Wood, Barbara
geworden. Ehrgeizige Reporter waren zum Basislager unweit des Iron
Knob geeilt und gerade noch rechtzeitig eingetroffen, um
mitzuerleben, wie sich die riesige Gruppe, bestehend aus Männern, Pferden und
Planwagen, zum Aufbruch bereit machte. So schnell wie möglich waren die
jeweiligen Zeitungsredaktionen informiert worden, woraufhin besonders
waghalsige Journalisten Boote gemietet und sich zur Streaky
Bay hatten bringen lassen, dort auf schnelle Pferde umgestiegen
und nach Norden geritten waren, um die Expedition einzuholen, die, wie die
Schlagzeilen verkündeten, »KEINESFALLS AUF EYRES SPUREN« zu wandeln gedachte.
Am
Zeitungsstand hing eine riesige Landkarte, auf der der bisherige Verlauf der
Expedition verzeichnet war. Vermutungen über das Ziel wurden angestellt, Wetten
hinsichtlich Route und Ankunftszeit abgeschlossen. Ein zeitlich begrenztes
Unterfangen, denn bald würde die Gruppe um Sir Reginald von jeglicher Kommunikation
abgeschnitten und im endlosen Unbekannten auf sich gestellt sein.
Hannah
spähte nach einer Lücke im Verkehr, ehe sie sich auf die andere Straßenseite
wagte.
Der Kiosk
befand sich an einer Ecke des Victoria Square, einer Grünanlage, deren
Mittelpunkt eine Statue der Königin bildete, und verkaufte Zeitungen,
Illustrierte, Magazine und andere Publikationen, darunter auch importierte - Punch, The Illustrated London News, sogar das New York Monthly Magazine aus
Amerika - sowie Tabak, Pfeifen, Zigarettenpapier, Streichhölzer, Pralinen,
Bücher und Landkarten, Kerzen, Windlichter und billigen Dosentee. Ein frisch
angebrachtes Schild verhieß in knallroten Buchstaben: »Direkt aus Amerika.
Vorgefertigte Zigaretten für die moderne Frau. Genießen auch Sie das bislang den
Herren der Schöpfung vorbehaltene Vergnügen.« Zur angenehmen Überraschung des
Zeitungshändlers griffen ebenfalls Männer danach.
Nicht
anders als die meisten Kolonialisten hatte auch Bertram Day die Mühsal einer zehn Monate währenden Schiffsreise auf sich genommen,
in der Hoffnung, in Südaustralien bessere Lebensbedingungen vorzufinden als in
seiner irischen Heimat. Als armer Tropf war er in Adelaide angekommen und hatte
sich anfangs seinen Unterhalt damit verdient, dass er an Straßenecken die
Ausgaben einer Lokalzeitung verkaufte. Dann war ihm die Idee gekommen, sich
jeweils morgens am Hafen einzustellen und Zeitungen direkt von einlaufenden
Schiffen zu übernehmen, um dann die begehrte Londoner Times gegen Aufpreis auf den Straßen zu verhökern. Etwas später
dann hatte er sich einen Stand zusammengezimmert, um seine verschiedenen
Druckerzeugnisse auszulegen, in der Folgezeit den Stand mit Wänden und Dach
verkleidet und das Ganze so erweitert, dass Platz für zusätzliche
Verkaufsartikel geschaffen wurde. Als Nächstes verfiel er darauf, die Wände
seines Kiosks für Werbezwecke zu vermieten, was
sich als so profitabel erwies, dass Mr. Day endlich
heiraten konnte und inzwischen mit seiner schwangeren Frau ein hübsches Haus
mit Garten bewohnte. Jeder kannte und schätzte ihn. Wie es hieß, hatte er, ehe
er nach Australien kam, auf einem Pferdegestüt gearbeitet und wie schon sein
Vater und sein Großvater Ställe ausgemistet.
Obwohl er
gerade Kunden bediente, lächelte er Hannah zu, als sie um seinen Stand herumging,
um die Zeitungsmeldungen zu lesen. Sie erwiderte sein Lächeln. Ein humorvoller
Zeitgenosse, dieser Mr. Day. Hatte auf
dem Querbalken über seinem Kopf ein Schild mit der Aufschrift »Die Frist für
Beschwerden ist gestern abgelaufen« hängen. Als sie auf der Suche nach
Neuigkeiten über Sir Reginald die jüngst angehefteten Titelseiten der Zeitungen
überflog, merkte sie nicht, dass ein verlotterter Kerl sie gierig anstarrte.
Seine
Aufmerksamkeit galt ihrer blauen Teppichtasche.
Nicht dass
die Tasche selbst irgendwie wertvoll aussah, sondern wie sie sich wölbte
reizte den Burschen mit dem verdreckten Gesicht. Dass die Lady nicht sonderlich
teuer gekleidet war, besagte gar nichts. In dieser Ecke der Welt konnte man
rasch zu Geld kommen, und da die, die dann ihren Reichtum zur Schau stellten,
leicht zur Zielscheibe von Langfingern wurden, bevorzugten viele Wohlhabende,
wenn sie ausgingen, eine betont schlichte Kleidung. Die Teppichtasche
jedenfalls sah voll gepackt aus, schien den Arm der Dame nach unten zu ziehen.
Bestimmt war da jede Menge wertvolles Zeug drin.
Hannah war
enttäuscht und erleichtert zugleich, nichts über die Expedition zu entdecken.
Vielleicht war sie schon zu weit
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