Zigeunerstern: Roman (German Edition)
länger musst du denn noch hierbleiben?«, fragte ich ihn.
»Ich bin schon seit drei Wochen hier«, sagte er. »Drei Wochen von fünf Jahren.«
Im ganzen Synapsenloch waren wir die zwei einzigen Roma, und wir fanden sofort Gefallen aneinander und waren bald unzertrennlich. Ich vermute, es handelte sich wohl um die Anziehungskraft der Gegensätzlichkeiten. Ich war massig und ausgeglichen-bis-phlegmatisch, er war klein, zierlich und sprunghaft. Ich war ein Kalderash, er ein Lowara. Ich neigte zu ernster Arbeit, manchmal sogar zu geisttötender Schufterei, Polarca hielt mehr von Abkürzungen und schnittigem Kurvenschneiden, wo immer es möglich war. Doch konnten wir beide lachen, wenn uns im Grunde wirklich nach Weinen zumute war. Polarcas Gelächter war wundervoll. Wenn es diesen Gaunern gelänge, Polarcas Lachen in Flaschen abzufüllen, es würde Hasgard-Zwei im ganzen Universum vom Markt verdrängen. Schon um seines Lachens willen liebte ich ihn. Und dafür, dass er an diesem entsetzlichen Ort ein Rom war, ein ›Mensch‹, wo es sonst keinen von unserer Art gab. Und nicht etwa nur irgendein gewöhnlicher Rom. Wir stammten alle beide aus dem echten Blut, und das ist nicht bloß eine Frage der genetischen Erbschaft. Um ein wahrer Rom zu sein, muss man sich etwas anderem tief verpflichtet fühlen als bloß der eigenen heilen Haut. Nehmt als Beispiel Shandor. Shandor ist seinem genetischen Erbe nach ein Rom, doch ich streite ihm das ›echte Blut‹ ab, obschon er mein Sohn ist. Polarca dagegen – ach, Polarca, der ist ein wahrer Rom unter den Roma!
Es dauerte einige Zeit, bevor ich begriff, dass er da drunten in der Synapsenhöhle auf Mentiroso langsam dahinstarb.
Er versuchte das vor mir zu verbergen. Wenn die Wogen von Entsetzen durch ihn hindurchrollten und er vor Terror bebte und schluchzte, fing er sich stets immer wieder, so rasch er nur konnte, und grinste mich an, kniff ein Auge zu und erzählte mir Witzchen. Ich aber erkannte nicht, welch hohen Preis er für dieses Augenzwinkern, dieses Grinsen bezahlen musste. Mentiroso zermürbte ihn ziemlich rasch. Und wie rasch dieser Zerstörungsprozess ablief, das wünschte er nicht preiszugeben. Gewiss, er wirkte die meiste Zeit über müde und erschöpft und es schien ihn einige Mühe zu kosten, sich gerade zu halten, aber schließlich strahlte ja keiner von uns unter dem unablässigen psychoaktiven Beschuss Mentirosos vor übermütiger Lebensfreude. Aber obschon ich nicht wissen konnte, wie quicklebendig und was für ein Stehaufmännchen Polarca vielleicht einmal gewesen sein mochte, ehe er hierher gelangte, konnte ich doch erkennen, dass der Mann, der mir da in der Synapsengruft zum Freund geworden war, nur ein übel zerschlissener, schwer angeschlagener Schatten seines echten Selbst sein musste. Und während der folgenden Wochen wurde er sogar noch schwächer. Es schüttelte ihn immer wieder, plötzliche Anfälle warfen ihn nieder, es fiel ihm schwer, die Augen zu konzentrieren oder sich zu erinnern, wenn er einen Satz beendete, wie er ihn begonnen hatte. Es war offensichtlich, dass er es nicht mehr sehr viel länger durchhalten konnte. Immerhin hatte ich schon ein paar Männer direkt im Loch an Erschöpfung sterben sehen.
Und sobald ich erkannt hatte, was mit ihm vor sich ging, hörte ich mich um und versuchte eine Möglichkeit zu finden, wie ich ihm helfen könnte. Er selbst war viel zu stolz, als dass ich etwas Nützliches aus ihm herausgebracht hätte, doch es gab da ja noch die anderen, die ich fragen konnte. Ich wollte ihn nicht verlieren. Ohne Polarca an meiner Seite, ohne sein Geschnatter, seine Respektlosigkeiten, seinen Sarkasmus musste ich an diesem Höllenort den Verstand verlieren. Und ich brachte in Erfahrung, was ich zu tun hatte.
Eines Tages ging ich kurz vor ihm zum Synapsenloch und improvisierte an seinen Apparaten ein paar Umschaltungen. Es war nicht besonders schwer. Ich stopfte seine Elektroden in meinen Kopfhelm, und meine schloss ich an dem seinen an; dann inaktivierte ich die Verbindung von meiner Transducer-Spule zur Speicherzelle. Dies und noch ein paar andere Kleinigkeiten nahm ich vor. Der Nutzeffekt dieser Abänderungen würde sein, dass er gänzlich aus dem Absaugkreislauf angekoppelt war, und dass mein Ausstoß an Neuralenergie seine sechsstündige Tagesnorm mitleisten würde. Er würde zwar noch immer mit der Folter rund um die Uhr fertigwerden müssen, die das Leben auf Mentiroso darstellte, doch immerhin war er dann nicht
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