Zwanzig Jahre nachher (German Edition)
langweilt, oder ein Spion, der ausforscht.‹« »Und Ihr habt ihm so geantwortet?« »Wie hätte ich anders antworten sollen? Wie er artig war gegen mich, so war ich es gegen ihn.« »Wenn er aber ein Spion ist?« »Nun, was soll er als Spion machen? Wir leben nicht mehr in der Zeit des Kardinals Richelieu, der uns eines bloßen Verdachtes willen die Häfen sperren ließ.« »Wenn auch, so hattet Ihr Unrecht, so zu antworten, wie Ihr es tatet,« entgegnete Aramis, wahrend er dem jungen Manne nachblickte, bis er in den Dünen verschwand. »Und Ihr,« erwiderte Athos, »Ihr vergesset, daß Ihr noch weit unbedachtsamer waret, da Ihr den Namen Lord Winter aussprachet. Wißt Ihr nicht mehr, daß der junge Mann bei diesem Namen stehenblieb?« »Da hättet Ihr ihn um so mehr auffordern sollen, daß er seine Wege gehe, als er Euch anredete.« »Einen Streit?« fragte Athos. »Seit wann fürchten wir uns denn vor einem Streite?« »Ich furchte mich jedesmal vor einem Streite, wenn man mich irgendwo erwartet, und dieser Streit mich abhalten kann, einzutreffen. Soll ich Euch noch überdies etwas eingestehen? Ich war auch neugierig, diesen jungen Mann in der Nähe zu sehen.« »Weshalb?« »Ihr werdet meiner spotten, Aramis. Ihr werdet sagen, Aramis, daß ich stets dasselbe wiederhole, und mich den furchtbarsten Geisterseher heißen.« »Weshalb?« »Wem, findet Ihr, daß dieser junge Mann ähnlich sähe?« »Im Häßlichen oder im Schönen?« fragte Aramis. »Im Häßlichen, und so viel nur ein Mann einem Weibe ähnlich sehen kann.« »Ah, bei Gott!« rief Aramis, »Ihr mahnt mich daran. Nein, beim Himmel, Ihr seid doch kein Geisterseher, Freund, ich entsinne mich jetzt, ja, Ihr habet, meine Treue, recht; dieser feine und eingezogene Mund, diese Augen, die immer auf die Befehle des Verstandes und nie auf jene des Herzens zu blicken scheinen – – das ist irgendein Bastard von Mylady.« »Ihr lacht, Aramis.« »Aus Gewohnheit, weiter nicht; denn ich versichere Euch, daß ich dieser Schlange ebenso ungern wie Ihr begegnen möchte.« »Ha, dort kommt Lord Winter!« rief Athos. »Gut, jetzt fehlte nur noch eines,« sprach Aramis, »daß nämlich unsere Diener auf sich warten ließen.« »Nein,« erwiderte Athos, »ich sehe sie dort herankommen, zwanzig Schritte hinter Mylord. Ich erkenne Grimaud an seinem starren Kopfe und langen Beinen. Tony trägt unsere Karabiner.« »Wir werden uns also bei Nacht einschiffen?« fragte Aramis. »Das ist möglich,« entgegnete Athos. »Zum Teufel!« rief Aramis, »ich bin bei Tage kein großer Freund des Meeres, geschweige erst des Nachts; ich gestehe, daß ich den Schlägen der Wogen, dem Brausen des Windes und dem widerlichen Schaukeln des Schiffes die klösterliche Stille in Noisy vorziehe.« Athos lächelte auf seine traurige Weise, denn er hörte Wohl die Worte seines Freundes, dachte aber dabei an etwas anderes und schritt Lord Winter entgegen. Aramis ging ihm nach.
»Was habt Ihr denn, Mylord?« fragte Athos, »und was setzt Euch so sehr außer Atem?« »Nichts,« entgegnete Lord Winter, »nichts. Indes, als ich bei den Dünen vorbeiging, dünkte es mich – – « er wandte sich abermals um. Athos blickte Aramis an. »Doch laßt uns aufbrechen,« begann Lord Winter wieder, »laßt uns aufbrechen, das Schiff muß uns erwarten, dort liegt unser Boot vor Anker – seht Ihr es? O, ich möchte schon auf ihm sein.« Er wandte sich von neuem um. »Ah so,« sprach Aramis. «Ihr habt also etwas vergessen?« »Nein, es ist Beklommenheit.« »Er hat ihn gesehen,« flüsterte Athos leise Aramis zu. Man gelangte zu der Treppe, welche nach der Barke führte. Lord Winter ließ die Bedienten mit den Waffen und die Träger des Gepäckes zuerst hinabgehen und folgte ihnen dann nach.
In diesem Momente gewahrte Athos einen Mann, der längs des Standes hinging und seine Schritte beflügelte, als wolle er ihrer Einschiffung etwa zwanzig Schritte entfernt auf der andern Seite des Hafens beiwohnen. Er glaubte, ungeachtet der zunehmenden Dunkelheit, den jungen Mann zu erkennen, der sie angeredet hatte. »Ha!« rief er, »ha, ist es wirklich ein Spion, der sich unserer Einschiffung widersetzen will?« Da es indes für den Fall, als der Fremde diesen Entschluß gehabt hätte, zur Ausführung schon ein bißchen zu spät war, so ging Athos die Treppe hinab, ohne daß er den jungen Mann aus den Augen verlor. Dieser war, um kurz abzuschneiden, auf eine Schleuse gestiegen. »Er will sicherlich an uns,« versetzte
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