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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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Dich und die Kinder gleich auch mit! Wann wollen sie denn zur Auspfändung kommen?«
    »Er hat mir noch acht Tage Zeit gegeben.«
    »Wie barmherzig! Aber, ich habe auch meine Ehre. In das Armenhaus lasse ich mich nicht stecken. Ich werde also sehen, daß ich wenigstens einen Theil bezahlen kann. Du sagtest, daß Du übermorgen Geld bekommst?«
    »Ja. Ich habe zu liefern, volle siebzig Ellen.«
    »Siebzig Ellen! So hast Du täglich zehn Ellen fertig gebracht?«
    »Ja.«
    In diesem Ja lag aber eine ganze Welt von Kummer, Sorge, Entbehrung und Anstrengung. Sie hatte auch des Nachts gearbeitet; ihre geschwollenen Augen konnten davon erzählen.
    »Wieviel bekommst Du da?«
    »Für die Elle anderthalb Kreuzer.«
    »Blos?!« fragte er erstaunt.
    »Ich habe die letzte Nummer. Meine Augen thun so wehe; sie sind ganz schwach geworden. Ich kann nur noch die geringste Sorte fertig bringen, die nur für die Anfänger ist – anderthalb Kreuzer für die Elle.«
    »Und da wollen wir Abgaben bezahlen?«
    »Du bekommst ja Sonnabend auch Lohn!«
    »Ja, als Hundejunge!«
    Sie legte den Löffel weg und ging hinaus, um die Thränen zu verbergen, welche ihr auf die schmerzenden Lider traten. Als sie wieder herein kam, setzte sie sich nicht abermals an den Tisch, sondern an ihren Klöppelsack, aber sie fragte: »Wieviel wird man Dir auszahlen?«
    »Pro Tag einen halben Gulden – also drei Gulden!«
    »Da können wir keine Abgaben bezahlen.«
    Er legte den Löffel weg, obgleich er das armselige Kartoffelschalenwasser noch nicht ganz verzehrt hatte. Hungrig war er, ja; aber die Lust zum Essen war ihm vergangen. Er gab das Uebriggebliebene den Kindern und schaffte diese dann zu Bette – wenn hier überhaupt von Betten gesprochen werden konnte.
    Jetzt, nun, als er mit der Frau allein war, sagte er:
    »Es giebt nur noch ein Mittel, ein paar Kreuzer mehr zu verdienen.«
    »Was?«
    »Du weißt es.«
    Da erhob sie den Kopf und sagte:
    »Das nicht! Nur das nicht!«
    »Andere thun es auch!«
    »Aber es ist dennoch Diebstahl!«
    »Das weiß ich wohl, und ich habe mich darum auch nicht leicht dazu entschließen können. Aber – wollen wir verhungern?«
    »Gott wird helfen!«
    Er schüttelte den Kopf, blickte seiner Frau in das bleiche, abgesorgte Angesicht und antwortete:
    »So hat es schon lange geheißen.«
    »Und es bleibt auch wahr!«
    »Ja: Gott wird helfen; das bleibt wahr. Er wird nämlich helfen. Wir werden sterben; dann ist uns geholfen.«
    »Sprich nicht so!« sagte sie bittend.
    »Nun, Gott kann helfen, so heißt es; aber ich begreife ihn nicht, daß er es gar nicht thut. Wir hungern; wir frieren; wir sollen gepfändet werden! Unsere Kinder sind elend und krank; Du hast Dich fast um das Augenlicht gebracht, und ich bin um einen Arm gekommen, ohne daß man mir einen Kreuzer Entschädigung angeboten hat. Es wird Zeit, daß Gott hilft. Ich werde in den Wald gehen und einen Baum umsägen. Den mache ich klein und verkaufe das Brennholz. Ein Brod oder zwei giebt das doch gewiß.«
    »Es ist Forstdiebstahl!«
    »Aber der Hunger!«
    Sie wollte antworten, aber da erklangen halblaute Schritte auf der Treppe, und dann klopfte es auf eine eigenthümliche Weise an die Thüre. Die Frau erschrak.
    »Herrgott! Der Waldkönig!« sagte sie.
    »Ja, das ist er!« bestätigte ihr Mann.
    Er ging zur Thür und öffnete.
    »Sind die Kinder zu Bette?« fragte es draußen.
    »Ja. Kommen Sie!«
    Der Waldkönig trat ein, das Gesicht mit einer Maske verhüllt. Die Frau hatte ihr Gesicht tief auf die Arbeit niedergebeugt. Die Gegenwart dieses Mannes war ihr entsetzlich. Sie wollte ihn gar nicht sehen.
    »Haben Sie Zeit?« fragte er.
    »Ich bin gleich erst nach Hause,« antwortete Schulze.
    »Ich wußte, daß Sie bis Mitternacht Schicht haben. Sie müssen mir einen Brief besorgen.«
    »Wieder nach Tannenstein?«
    »Ja.«
    »Wann?«
    »Bis zum Mittag.«
    »An wen?«
    »Wieder an Denselben wie stets.«
    »Ich möchte Sie bitten, lieber einen Anderen zu schicken.«
    »Ah! Warum?«
    »Es ist mir zu gefährlich!«
    »Was fällt Ihnen ein! Jemandem einen Brief zu bringen, kann doch nicht gefährlich sein?«
    »Wenn er vom Waldkönige ist, doch!«
    »Kein Mensch wird sie verrathen!«
    »Und doch ist dies möglich!«
    »Nun, ich sage doch jedenfalls nichts, und der Andere auch nicht!«
    »Man kann nie wissen, was passirt. Und das, was ich wage, ist zu viel gegen das, was ich dafür bekomme!«
    »Ach so! Ist’s das?«
    »Ja. Ein Gulden ist zu wenig.«
    »Ich halte es für

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