Eine letzte Breitseite
Kräften.
Die
Lysander
,
deren Mannschaft zur Hälfte tot oder verwundet war, hatte sich am Rande des Kampfes gehalten: der ›Battle of the Nile‹, wie sie später in England hieß. Sie hatte am Abend begonnen und die ganze Nacht getobt; und als die Morgenröte kam, gab es so viele Wracks, daß Bolitho sich nur darüber wundern konnte, welcher Kampfeswut der Mensch fähig war.
Nelson hatte sich weder von der französischen Formation abschrecken lassen, noch von der Tatsache, daß viele Schiffe mit Trossen verbunden waren, um einen Durchbruch zu verhindern; er hatte die französische Verteidigung umsegelt und von der Landseite her angegriffen. Denn an der Küste gab es keine schwere Artillerie, die ihn hätte daran hindern können, und so vermochte er seine taktische Geschicklichkeit und seine Energie ganz auf seinen ebenso entschlossenen Gegner zu konzentrieren.
Obwohl die französische Flotte größer war, hatte er bei Morge ngrauen Brueys’ sämtliche Schiffe bis auf zwei vernichtet. Diese beiden waren in der Nacht entkommen, nachdem sie das schrecklichste Ereignis der ganzen Schlacht mitangesehen hatten: die
l
’
O
rient
,
Brueys’ großes Hundertzwanzig-Kanonen-Schiff, war in die Luft geflogen und hatte dabei mehrere Schiffe schwer beschädigt; der Eindruck auf beiden Seiten war so überwältigend gewesen, daß eine Feuerpause einsetzte.
Brueys starb mit der
l’Orient
,
aber seines Mutes, seiner Ausdauer wurde in der britischen Flotte mit ebensoviel Stolz gedacht wie in der französischen. Als ihm schon beide Beine abgeschossen waren, hatte er sich, die Stümpfe mit Aderpressen abgebunden, aufrecht in einen Stuhl setzen lassen, hatte seinem alten Feind ins Auge gesehen und seine Flotte bis zum bitteren Ende weiterkommandiert. Bonapartes Traum war vorbei. Er hatte seine ganze Flotte verloren, dazu über fünftausend Mann, sechsmal so viel wie die Engländer. Seine Armee stand an der Nilmündung, unverteidigt, isoliert.
Es war ein großer Sieg, und als Bolitho die letzte Phase mitansah, das böse rote Blitzen am Himmel über der See, da hatte er gerechtfertigten Stolz empfunden, weil auch die
Lysander
dazu beigetragen hatte.
Später, als er seinen Bericht abgeschickt hatte, wartete er gespannt auf die Reaktion des Admirals. Mit gewohntem Elan war Nelson bereits wi eder dabei, seine Flotte seeklar zu machen; doch hatte er Zeit gefunden, einen Offizier mit einem kurzen, warmen Antwortschreiben herüberzuschicken:
Si
e
sin
d
ei
n
Man
n
nac
h
meine
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Herzen
,
Bolitho
!
De
r
Erfolg
rechtfertigt
das
Risiko
!
Er hatte Bolitho angewiesen, einige Prisenschiffe nach Gibraltar zu bringen, dort Fahrgelegenheit nach England zu suchen und sich wieder auf der Admiralität zu melden. Captain Probyns Tod hatte Nelson überhaupt nicht erwähnt – und das war, wie Herrick betonte, auch ganz gut so.
Bolitho wandte sich wieder um und sah Herrick an. »Merkwürdig, Thomas, von uns allen ist Francis Inch immer noch der einzige, der
Our
Nel
persönlich kennengelernt hat.«
»Aber sein Einfluß ist dennoch vorhanden, Sir«, nickte Herrick.
»Dieser Brief von ihm und die Tatsache, daß der Kommodorestander immer noch über diesem Schiff weht, ist viel mehr wert als sein Händedruck.«
»Nach allem, was wir durchgemacht haben, werde ich die
Lys
a
n
de
r
sehr vermissen, Thomas.«
»Aye.« Herricks rundes Gesicht wurde traurig. »Sobald wir vor Anker liegen, lasse ich die größeren Reparaturen in Angriff nehmen. Aber ich fürchte, in einem Gefecht wird sie nie mehr bestehen können.«
»Wenn Sie wieder in England sind, Thomas – aber das besonders zu erwähnen, erübrigt sich, nicht wahr? –, werde ich stets einen treuen Freund brauchen.«
Herrick drehte sich um und beobachtete einen Hochseekutter, der an den Heckfenstern vorbeizog. Die Mannschaft winkte und schrie zudem schwer mitgenommenen Vierundsiebziger hinauf, doch ihre Stimmen drangen nicht durch die dicken Glasscheiben. »Keine Angst, Sir. Wenn ich kann, komme ich.«
Ozzard erschien und inspizierte die beiden großen, abholfertig gepackten Seekisten.
»Ich habe viel Fehler gemacht, Thomas. Zu viele.«
»Aber zum Schluß haben Sie immer die Lösung gefunden, Sir. Nur darauf kommt es an.«
»Tatsächlich?« lächelte er. »Ich weiß nicht recht. Auf jeden Fall habe ich eins gelernt: über Leben und Tod zu entscheiden ist ke ineswegs leichter, wenn am Schluß die eigene Flagge über dem Endergebnis weht.«
Er warf einen Blick auf den polierten
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