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Leopard

Leopard

Titel: Leopard Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jo Nesbø
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auch nachgefragt: Wer sind denn deine Freunde, he?, und er hat gesagt, na du!, und hat mich dann gefragt, wer denn meine Freunde sind. Ich habe auch keinen außer ihm, wir sind also nur zu zweit, dich haben wir ganz vergessen, Harry. So geht das, wenn man nach …« Er formte seinen Mund zu einem Kreis und sagte abgehackt: »Hongkong abhaut.«
    »Hallo!«, kam es vom Rücksitz. »Wenn Sie fertig sind, könnten wir vielleicht …« Es wurde grün, und 0ystein gab Gas.
    »Dann kommst du also? Die Party ist zu Hause bei Holzschuh.«
    »Da stinkt es so nach Schweißfüßen, Oystein.«
    »Er hat einen gutgefüllten Kühlschrank.«
    »Sorry, ich bin nicht in Partystimmung.«
    »Partystimmung?«, schnaubte 0ystein und schlug mit der Hand auf das Lenkrad. »Du weißt doch gar nicht, was Partystimmung ist, Harry. Du gehst doch allen Feten aus dem Weg. Erinnerst du dich? Wir hatten Bier gekauft und wollten zu irgendeiner Party in Nordstrand mit einem Haufen Frauen. Und du schlägst vor, dass wir drei, Holzschuh, du und ich, lieber zum Bunker fahren und da für uns trinken.«
    »He, das ist doch nicht der Weg zum Flughafen!«, erklang es protestierend vom Rücksitz.
    0ystein musste wieder bei Rot halten, warf seine schulterlangen, strähnigen Haare zur Seite und drehte sich zur Rückbank um. »Und da sind wir dann auch gelandet. Und waren irgendwann voll wie die Haubitzen. Bis der da angefangen hat
No Surrender
zu singen und Holzschuh ihn mit den leeren Flaschen beworfen hat.«
    »Also ehrlich!«, jammerte der Mann und tippte mit seinem Zeigefinger auf das Glas seiner TAG-Heuer-Uhr. »Ich muss dringend den nächsten Flug nach Stockholm erreichen.«
    »Es ist doch okay bei den Bunkern«, sagte Harry. »Die beste Aussicht der Stadt.«
    »Genau«, sagte Oystein grinsend.
    »Wären die Alliierten angerückt, hätten die Deutschen sie in Stücke gebombt.«
    »Genau«, erwiderte Harry grinsend.
    »Verstehen Sie, wir, also Holzschuh und ich, hatten ein unausgesprochenes Abkommen mit dem da«, sagte Oystein, aber der Mann im Anzug hielt inzwischen Ausschau nach einem anderen Taxi. »Dass wir, sollten die verdammten Alliierten kommen, ihnen das Fleisch von den Knochen schießen. So.« Oystein tat so, als zielte er mit einem imaginären Gewehr auf den Mann, und feuerte los. Der Mann starrte den verrückten Taxifahrer an, der Knattergeräusche machte, so dass kleine, weiße Speichelspritzer auf seine dunkle, frischgebügelte Anzughose flogen. Mit einem entnervten Stoßseufzer riss er die Autotür auf und taumelte raus in den Regen.
    Oystein lachte roh und herzlich.
    »Du hast dich nach Hause gesehnt, gib's zu«, sagte Oystein. »Wolltest bestimmt mal wieder mit der Killer Queen oben im Ekeberg-Restaurant tanzen.«
    Harry schüttelte lachend den Kopf. Im Seitenspiegel sah er den Mann planlos in Richtung Nationaltheater hasten. »Es geht um meinen Vater. Er ist krank. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit.«
    »O Scheiße.« Oystein drückte wieder aufs Gas. »So ein guter Mann.«
    »Danke, ich dachte, du solltest das wissen.«
    »Klar, Mann, ich werde es meinen Alten sagen.«
    »Da wären wir«, sagte Oystein, als sie vor der Garage des alten gelben Holzhauses in Oppsal parkten. »Jau«, sagte Harry.
    Oystein inhalierte so tief, dass es aussah, als würde die Zigarette Feuer fangen, behielt den Rauch in den Lungen und entließ ihn schließlich mit einem langen, gurgelnden Zischen. Dann legte er den Kopf auf die Seite und schnippte die Asche in den Aschenbecher. Harry versetzte es einen Stich. Wie oft hatte er Oystein genau so gesehen, zur Seite gelehnt, als wäre die Zigarette zu schwer, ja als fürchte er, sonst die Balance zu verlieren. Mit geneigtem Kopf. Wie er die Asche in einem Schuppen in der Schule auf den Boden schnippte, in eine Bierflasche auf einem Fest, bei dem er irgendwie gelandet war, oder auf den kalten Bunkerbeton.
    »Das Leben ist echt ungerecht«, sagte Oystein. »Dein Vater hat nie was getrunken, machte sonntags lange Spaziergänge und hat als Lehrer gearbeitet. Während mein Vater gesoffen hat wie ein Loch, in der Kadokfabrik arbeitete, in der alle Asthma oder seltsame Allergien bekamen, und sich keinen Millimeter mehr rührte, wenn er erst zu Hause auf dem Sofa lag. Und der ist heute fit wie ein Fisch im Wasser.«
    Harry erinnerte sich an die Kadokfabrik. Kodak rückwärts. Der Besitzer, ein Typ aus Sunnmore, hatte irgendwo gelesen, dass Eastman seine Kamerafabrik Kodak genannt hatte, weil man diesen Namen in Erinnerung

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