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Leopard

Leopard

Titel: Leopard Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jo Nesbø
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der Wand hinter dem Klo angeschrien haben. Damals sind wir wenigstens reingekommen.«
    »Lass uns eine rauchen«, schlug Kaja vor.
    Sie traten an die niedrige Mauer, hinter der der Wald zur Stadt hin abfiel. Die Wolken im Westen waren orangerot, und die Lichter der Autos auf der Autobahn huschten wie Irrlichter durch das Dunkel der Stadt. Oslo lag wie abwartend unter ihnen, als läge es auf der Lauer, dachte Harry. Ein getarntes Raubtier. Er schnippte zwei Zigaretten aus der Packung, zündete sie an und reichte eine an Kaja weiter.
    »Der Rest der Geschichte«, sagte Kaja und inhalierte.
    »Wo waren wir?«
    »Die Killer Queen hat dich mit nach Hause genommen.«
    »Nein, sie hat gefragt. Und ich habe höflich abgelehnt.«
    »Du machst Witze. Warum das denn?«
    »Das haben 0ystein und Holzschuh auch gefragt, als ich zurückkam. Ich habe ihnen gesagt, ich könne doch nicht einfach abhauen, wenn zwei Freunde mit einem Gratis-Whiskey auf mich warteten.«
    Kaja lachte laut und blies den Rauch in Richtung Stadt.
    »Aber das war natürlich eine Lüge«, sagte Harry. »Dass ich nicht mitgegangen bin, hatte nichts mit Loyalität zu tun. Freundschaft hat für einen Mann keine Bedeutung, wenn du ihm ein entsprechend verlockendes Angebot machst. Absolut keine. Die Wahrheit ist, dass ich mich ganz einfach nicht getraut habe. Die Killer Queen hat mir eine Heidenangst eingejagt.«
    Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander. Lauschten dem Brummen der Stadt und blickten dem Rauch nach, der sich in Wirbeln auflöste. »Du denkst nach«, sagte Kaja.
    »Hm. Ich denke an Bellman. Wie gut er informiert war. Er wusste nicht nur, dass ich zurück nach Norwegen komme, sondern sogar, mit welchem Flieger.«
    »Vielleicht hat er Kontakte im Präsidium.«
    »Hm. Und heute am Lyseren hat Skai gesagt, dass Bellman ihn am Abend des Tages angerufen hat, an dem wir zum ersten Mal in der Seilerei waren.«
    »Ja, und?«
    »Beate hat mir erzählt, dass sie Bellman erst am Morgen danach über das Seil informiert hat.« Harry sah einem glühenden Tabaksfaden nach, der den Abhang hinuntersegelte. »Und Björn ist zum Koordinator für Technik und Taktik befördert worden.« Kaja starrte ihn entgeistert an. »Das ist doch nicht möglich, Harry.«
    Er antwortete nicht.
    »Björn Holm! Er soll Bellman über unsere Arbeit informiert haben? Ihr habt doch schon so oft zusammengearbeitet, ihr seid doch … Freunde!«
    Harry zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, wie gesagt…«, er ließ die Zigarette zu Boden fallen und drückte sie mit dem Absatz aus, »dass Freundschaft keine Bedeutung hat, wenn das Angebot gut genug ist. Kommst du auch mit ins Schröders?«
    Ich träume inzwischen fast ständig. Es war Sommer, und ich liebte sie. War so jung und glaubte wirklich, dass etwas in Erfüllung geht, wenn man es sich nur fest genug wünscht.
    Adele, du hattest ihr Lächeln, ihre Haare und ihr verräterisches Herz. Und nun steht in der Onlineausgabe der
Aftenposten,
dass sie dich gefunden haben. Ich hoffe, du warst äußerlich so hässlich, wie du es in deinem Inneren schon immer gewesen bist.
    Auf der Onlineseite steht auch, dass Hauptkommissar Hole die Ermittlungen leitet. Das ist der, der den Schneemann gefasst hat: Vielleicht gibt es Hoffnung, vielleicht kann die Polizei tatsächlich Leben retten.
    Ich habe das Bild von Adele ausgedruckt, das auf der Website der MG
war,
und es neben die Gästebuchseite aus der Hävasshütte an die Wand gehängt. Neben meinem stehen da nur noch drei Namen.
KAPITEL 37
    Profil
    T agesgericht im Schröders gab es Bauernfrühstück, serviert mit Spiegelei und rohen Zwiebeln. »Lecker«, sagte Kaja.
    »Der Koch scheint heute ausnahmsweise mal nüchtern zu sein«, stimmte Harry ihr zu und zeigte auf den Fernsehbildschirm an der Wand. Kaja drehte sich um. »Sieh einer an!«, sagte sie.
    Mikael Bellmans Gesicht füllte den Bildschirm. Harry gab Nina ein Zeichen, dass sie den Ton einschalten sollte. Unterdessen studierte Harry Bellmans Lippenbewegungen. Die sanften, beinah femininen Züge. Die braunen, intensiv funkelnden Augen unter den wohlgeformten Brauen. Die weißen Flecken, die wie Schneeflocken auf der Haut aussahen, entstellten ihn keineswegs, sondern ließen ihn im Gegenteil nur interessanter erscheinen, wie ein exotisches Tier. Wenn er nicht, wie die meisten Ermittler, eine geheime Telefonnummer hätte, wäre sein Handyspeicher nach der Sendung wahrscheinlich voll von unzweideutigen und verliebten SMS. Plötzlich setzte der

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