Das Flammende Kreuz
vorsichtig die Hand aus und zupfte etwas von der Rinde des abgestorbenen Baumes ab. Ich trat neben ihn und warf blinzelnd einen Blick auf seine Handfläche, in der er mehrere drahtige, lange Haare hielt. Weiße Haare.
Der Regen setzte wieder ein und begann systematisch, alles in Sichtweite zu durchnässen. Beide Pferde wieherten durchdringend, denn es war ihnen überhaupt nicht wohl dabei, im Stich gelassen zu werden.
Ich betrachtete den Baumstamm; er war ganz mit weißen Haaren übersät, die sich in der rissigen Rinde verfangen hatten. Jeder Bär hat besondere Kratzbäume, konnte ich Josiah sagen hören. Dorthin kehrt er immer wieder zurück. Ich schluckte krampfhaft.
»Vielleicht«, sagte Jamie, »ist es ja nicht nur der Donner, der den Pferden Angst macht.«
Vielleicht, aber das half uns jetzt auch nicht weiter. Ein Blitz fuhr weit unten auf dem Berghang in die Bäume, und gleichzeitig donnerte es. Noch ein Blitz - direkt gefolgt von einem Knall und noch einem, als wäre zu unseren Füßen ein Flakgeschütz zugange. Die Pferde waren außer sich vor Hysterie, und mir war sehr danach zumute, es ihnen gleichzutun.
Ich hatte beim Verlassen des Dorfes meinen Kapuzenumhang angezogen, doch die Kapuze klebte mir zusammen mit meinem Haar am Kopf, und der Regen hämmerte wie ein Schauer von Nägeln auf meinen Schädel. Auch Jamie klebte des Haar am Kopf, und durch den Regen sah ich, wie er eine Grimasse zog.
Er wies mich mit einer Geste an, zu bleiben, wo ich war. Die Pferde waren völlig von Sinnen, und ihre Mähnen hingen ihnen durchnässt in die verdrehten Augen. Judas hatte es geschafft, den schlanken Baum, an den ich ihn gebunden hatte, halb zu entwurzeln, und Gideon hatte die Ohren flach an den Kopf gelegt und fletschte ständig seine großen, gelben Zähne, während er nach jemandem oder nach etwas Ausschau hielt, den oder das er beißen konnte.
Bei diesem Anblick presste Jamie die Lippen zusammen. Er sah sich nach der Stelle um, an der wir den Kratzbaum gefunden hatten, der von unserer gegenwärtigen Position aus nicht zu sehen war. Es blitzte, der Donner erschütterte den Felsen, und beide Pferde machten schreiend einen Satz. Jamie schüttelte den Kopf, fällte seine Entscheidung und packte Judas’ Strick, um ihn festzuhalten. Offenbar würden wir den Berg verlassen, auch wenn der Pfad noch so glitschig war.
Umhüllt von meinen nassen Röcken, stieg ich in den Sattel und nahm den Strick fest in die Hand. Ich versuchte, Judas beruhigende Worte ins Ohr zu rufen, denn er tänzelte auf der Stelle und konnte es gar nicht abwarten fortzukommen. Wir waren den Koniferen am Rand des Felsvorsprungs gefährlich
nahe, und ich lehnte mich mit aller Kraft nach innen, um ihn näher an die Felswand zu bewegen.
Ein außergewöhnliches Prickeln überlief meinen Körper, als würde ich von Kopf bis Fuß von Tausenden winziger Ameisen gebissen. Ich warf einen Blick auf meine Hände und sah, dass sie leuchteten, in blaues Licht getaucht. Die Haare auf meinen Unterarmen standen zu Berge, und jedes einzelne von ihnen schimmerte blau. Meine Kapuze war heruntergefallen, und ich spürte, wie sich das Haar auf meinem Kopf in einer einzigen Masse aufstellte wie von sanfter Riesenhand gehoben.
Es roch plötzlich nach Schwefel, und ich sah mich alarmiert um. Bäume, Felsen, der ganze Boden war mit blauem Licht überflutet. Ein paar Meter neben uns zischten winzige Schlangen aus weißer Elektrizität über die Felsenoberfläche.
Als ich mich umdrehte und nach Jamie rief, sah ich, wie er sich mir zuwandte und den Mund öffnete, um mir etwas zuzuschreien, doch die Worte gingen im Tosen der Luft ringsum unter.
Gideons Mähne begann, sich wie von Zauberhand zu heben. Jamies Haar schwebte von seinen Schultern in die Höhe, durchzogen von knisternd blauen Drähten. Pferd und Reiter glühten im Licht der Hölle, das jeden Muskel ihrer Gesichter und Gliedmaßen hervortreten ließ. Ich spürte, wie mich ein Luftstrom überlief, und dann stürzte sich Jamie aus dem Sattel auf mich und schleuderte uns beide in die Leere.
Der Blitz schlug ein, bevor wir den Boden erreichten.
Als ich zu mir kam, roch ich verbranntes Fleisch und beißenden Ozongestank. Ich fühlte mich, als sei mein Inneres nach außen gekehrt; all meine Organe schienen freizuliegen.
Es regnete immer noch. Ich blieb eine Zeit lang reglos liegen und ließ mir den Regen über Gesicht und Haare laufen, während die Neuronen meines Nervensystems langsam den Betrieb wieder
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