Das Vierte Siegel [Gesamtausgabe]
sie nur überlisten wollten. Willst du mich dem aussetzen?«
Was konnte er dazu sagen? »Nein! Ich kann vor die Tür gehen, bis du im Bett bist«, schlug er vor und ärgerte sich, dass seine Stimme so kratzig klang. Der schmale Körper vor ihm bebte, als würde ein Lachen unterdrückt.
»Das ist nicht nötig. Schließlich bin ich jetzt deine Frau.«
Sie zählte stumm zwei, drei, vier … und da war es auch schon: das Räuspern! Mit Mühe unterdrückte sie ein Kichern.
»Caitlin, wir haben eine Zweckehe geschlossen und sollten uns dementsprechend verhalten. Zumindest werde ich auf dem Boden schlafen. … Ich glaub, jetzt hab ich alle Haken. Einer ist abgerissen.«
Während ihr Kleid rutschte und zarte Schultern entblößte, drehte sie sich zu ihm um. Ihre Augen blitzten. »Ich hatte doch erwähnt, dass mein Zweck ein anderer ist als deiner«, gab sie zu bedenken.
»Ich versteh nicht! Es sollte nach unserer Abmachung keinerlei Verpflichtungen geben. Du bist und bleibst frei und solltest an deine Zukunft denken und an all die netten und passenderen Männer, die du noch kennenlernen wirst.«
Sie schüttelte ihr Kleid ab und stieg in einem durchscheinenden Etwas aus dem Stoffhaufen am Boden.
Unwillkürlich starrte er auf ihre Brüste, die sich klein und fest darunter abzeichneten.
Sie gratulierte sich dazu, auf ein Mieder verzichtet zu haben, und stellte klar: »Welche Abmachung? Du hast mich geheiratet, weil du mich schützen wolltest, aber ich habe dich geheiratet, weil ich deine Frau sein wollte. Erinnere dich! Ich habe nie zugestimmt, eine Ehe ohne Verpflichtungen einzugehen. Du wirst daher nicht auf dem Boden schlafen, weil wir es da nicht so bequem hätten wie im Bett, und ich werde in meiner Hochzeitsnacht ganz sicher nicht an andere Männer denken. Wenn du deinen Antrag jetzt bereust, kann ich nur sagen, auch das hatte ich dir zu bedenken gegeben. Jetzt ist nichts mehr zu ändern.«
Sie gluckste und fuhr dann fort: »Aber keine Angst, Rhonan! Haben wir nicht alles irgendwie überstanden? Steilwände, Wölfe, Horkas?«
Er starrte sie nur entgeistert an, und sie brach in trällerndes Lachen aus.
28. Kapitel
R honan erwachte, weil Caitlins Haare seine Nase kitzelten. Das hatten sie schon oft getan, aber heute genoss er es mehr als sonst und sog zufrieden ihren Duft ein. Sein Blick glitt über ihr Gesicht, ihren weißen Körper, und ungläubig schüttelte er den Kopf. Dieses zarte Wesen passte so gar nicht in seinen braunen Arm, mit all den Narben. Er traute sich nicht einmal, seine schwielige Hand über ihren Rücken gleiten zu lassen. Um sie nicht zu wecken, lag er ganz still und ließ nur seine Blicke wandern.
Zum ersten Mal bemerkte er das Glitzern der Eiswände. Selbst die flauschigen Felle, die den Boden bedeckten, hatte er nie zuvor wahrgenommen. Auch fiel ihm erst jetzt auf, dass die großen Kleidertruhen mit den gewölbten Deckeln aussahen wie die auf da’Kandar. Die feinen Schnitzarbeiten, die Weberinnen oder Gärtnerinnen darstellten, wirkten im roten Holz wie hell gepudert. Er ging davon aus, dass in den Herrenzimmern Jagdmotive die Truhen zierten. Vielleicht aber auch nicht, wenn er an die Blütenblätter zwischen der Wäsche dachte. Er fragte sich, warum ihm all das erst heute auffiel, und fand keine Antwort.
Er wickelte eine Strähne von Caitlins Haar um einen Finger, und ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er an die vergangene Nacht dachte.
Caitlin beherrschte keinerlei Verführungskünste, aber für eine Priesterin hatte sie erstaunlich wenig Scheu gezeigt. Neugierde und Spaß hatten sie stattdessen ausgezeichnet. Völlig unbefangen war sie mit beider Nacktheit umgegangen, hatte sich vor ihm gedreht, ihn gefragt, ob er sie hübsch fände oder ihre Brüste für zu klein hielte, hatte ihm gestanden, dass sie entgegen der Behauptung ihrer Mutter fand, dass Männer durchaus schön sein konnten, weil ihre Körper so viel Kraft ausstrahlten, hatte in dem Zusammenhang seine Narben kurz bedauert und sie dann als unwichtig abgetan.
Während er sie auf ihre Aufforderung hin in den Liebesakt eingeweiht hatte, hatte sie ihn allerdings fast zum Wahnsinn getrieben, weil sie einfach nicht still sein konnte. Anders als die Frauen, die er kannte, hatte sie nicht nur wohlige Laute von sich gegeben, sie hatte ständig geredet, ihm gesagt, was sie besonders schön fand, oder ihn aufgefordert, etwas zu wiederholen. Mit angehaltenem Atem hatte sie dann ihre Vereinigung erwartet. Er hatte sich nach
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