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Das Vierte Siegel [Gesamtausgabe]

Das Vierte Siegel [Gesamtausgabe]

Titel: Das Vierte Siegel [Gesamtausgabe] Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Liane Sons
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Kambala ist ja leider seit einiger Zeit Feindesland, aber so ein paar unauffällige Herumtreiber wie wir werden kaum die Aufmerksamkeit der Horden erregen.«
    Sie warf ihm einen Seitenblick zu. Vielleicht war er ja der Ansicht, dass Schwarz eine unauffällige Farbe war, aber Herumtreiber? Sie hätte ihn jedenfalls kaum so bezeichnet. Über seiner üblichen schwarzen Lederkleidung trug er einen Umhang in derselben Farbe. Auf seinem Kopf hatte er einen riesigen, ebenfalls schwarzen Schlapphut, unter dessen Krempe sich seine glänzenden Locken hervorkringelten. Einziger Farbtupfer an seiner Kleidung war ein grellrotes Halstuch, das ihm kurz zuvor ein kicherndes junges Mädchen umgebunden hatte. Sie war sich ziemlich sicher, dass er nicht nur hier, sondern überall unweigerlich die Aufmerksamkeit jedes weiblichen Wesens auf sich ziehen würde. Glücklicherweise gab es nicht viele Frauen bei den Horden. Es war schon ein Ärgernis, dass ein Mann so schönes Haar haben konnte. Sie hatte ihre krausen blonden Haare meist zum Zopf geflochten. Wenn sie sie offen trug, hatte sie immer das Gefühl, Gestrüpp auf dem Kopf zu haben. Und warum hatte er so makellose Haut, während sie sich über Sommersprossen ärgern musste?
    »Wart Ihr schon einmal in Kairan?«, fragte sie, um auf andere Gedanken zu kommen.
    Er schüttelte den Kopf. »Irgendwie gehört Kairan ja weder zum Reich noch zu Camora. In der Stadt soll sich nur Gesindel rumtreiben, seit die Tempelwächter tot sind. Ich reise auch nur ungern dahin. Ich bin Krieger und kein Spion. Das mit dieser Heimlichtuerei, das kriege ich nicht gut hin. Ich kann mir nämlich ganz schlecht Sachen merken. Also, von Schlachten könnte ich Euch jede Einzelheit erzählen, aber wer heute Morgen alles bei mir vorgesprochen hat, weiß ich schon nicht mehr. Canon meint, ich würde das hinkriegen, aber ich weiß ja nicht so recht.«
    Er sah so verzweifelt drein, dass sie auflachte. »Oh, Derea, ich glaube auch, dass Ihr das hinkriegt. Ihr traut Euch zu wenig zu.«
    »Das könnt Ihr nur sagen, weil Ihr mich nicht richtig kennt«, brummte er. »Ich lass so schnell kein Fettnäpfchen aus. Ich treff sie alle.«
    Er tat so, als ob er einen Pfeil abschießen würde. »Zielsicher, ohne eins auszulassen und mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit! Wenn ich etwas kann, dann das.«
    Ihr helles Lachen hallte über die Ebene. »Hauptmann, Ihr seid einmalig.«
    »Den Göttern sei Dank, pflegt mein Bruder immer zu sagen. Zwei von meiner Sorte hält keine Armee so ohne weiteres aus. Canon sagt, ich wäre ihnen vielleicht sogar nützlicher, wenn ich auf Camoras Seite stünde – bei dem Durcheinander, das ich oft anrichte.«
    »Oh, bringt mich bitte nicht fortwährend zum Lachen«, forderte Marga und hielt sich die Seite.
    Der General sah sich daraufhin ungehalten um. »Ich habe es immer gern, wenn ausgelassene Stimmung herrscht«, fluchte er.
    »Ich auch«, stimmte Derea umgehend mit funkelnden Augen zu. »Es macht vieles leichter, nicht wahr?«
    Raoul riss sein Pferd herum und kam zurück. Drohend baute er sich vor dem Hauptmann auf. »Könnte es sein, dass dir Ernst und Bedeutung unserer Reise nicht bekannt sind?«
    »Nein!«
    Raoul stutzte leicht ob der prompten, knappen Antwort. »Warum tust du dann so?«
    »Tu ich doch gar nicht.«
    »Und was soll dann dieses alberne Gerede und Gelächter?«
    Derea wies mit ausladender Geste um sich herum. »Wir sind allein auf weiter Ebene. Glaubt Ihr, wir kommen schneller voran, wenn wir ernste Gespräche führen oder unheilvoll um uns herumblicken? Schaut Euch an: Ihr seid ernst, und Ihr seid der Erste, der uns aufhält. Haben wir es doch nicht so eilig?«
    Der letzte Satz war in so unschuldigem Ton vorgebracht, dass Marga größte Mühe hatte, nicht erneut aufzulachen. Ihr Lebensretter riss sein Pferd herum und galoppierte wütend davon. Er stieß einen kurzen Pfiff aus, und die Wölfe sprangen vom Wagen und hetzten ihrem Herrn hinterher.
    »Na, der ist vielleicht schwierig«, bemerkte Derea und verdrehte die Augen.
    Marga widersprach: »Er ist ein feiner Mensch. Ihr kennt ihn nur noch nicht richtig.«
    »Das liegt wohl kaum an mir.«
    »Nehmt Ihr ihm das übel?« Sie beobachtete ihn aufmerksam, um vielleicht zu erkennen, ob er verletzt war, aber er sah sie völlig offen an.
    »Warum sollte ich? Er war ja nur mein Erzeuger, sogar nur mein gezwungener Erzeuger. Darauf besteht er ja ausdrücklich. Dabei kennt er mich noch gar nicht so lange. Aber ich kann mich nun

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