Der Idiot
sehr interessante Mitteilung machen, hochverehrter Fürst; ich könnte Ihnen etwas mitteilen, was sich auf denselben Gegenstand bezieht«, murmelte Lebedjew, der glückselig neben dem Fürsten einherscharwenzelte.
Der Fürst blieb stehen.
»Darja Alexejewna hat ebenfalls ein Landhaus in Pawlowsk.«
»Nun, und?«
»Ein gewisse Dame ist mit ihr befreundet und beabsichtigt anscheinend, sie häufig in Pawlowsk zu besuchen. Sie hat dabei eine bestimmte Absicht.«
»Nun?«
»Aglaja Iwanowna ...«
»Ach, hören Sie auf, Lebedjew!« unterbrach ihn der Fürst, als sei bei ihm ein wunder Punkt berührt. »Das verhält sich alles anders. Sagen Sie mir lieber, wann Sie umziehen! Mir ist es je eher um so lieber, da ich im Gasthaus ...«
Während dieses Gesprächs hatten sie den Garten verlassen, waren, ohne nochmals in das Haus zu gehen, über den Hof gegangen und näherten sich nun dem Torpförtchen.
»Das beste wäre«, meinte Lebedjew schließlich, »wenn Sie gleich heute vom Gasthaus zu mir zögen; übermorgen ziehen wir dann alle zusammen nach Pawlowsk.«
»Ich werde es mir überlegen«, erwiderte der Fürst nachdenklich und ging aus dem Tor.
Lebedjew sah ihm nach. Die plötzliche Zerstreutheit des Fürsten überraschte ihn. Dieser hatte sogar vergessen, beim Weggehen Adieu zu sagen, und nicht einmal mit dem Kopf genickt, was zu der Höflichkeit und Aufmerksamkeit des Fürsten, die Lebedjew recht wohl kannte, wenig stimmte.
Fußnoten
1 Stadtteil im Osten von Petersburg; die Roschdestwenskaja erscheint hier als ein Teil desselben. (A.d.Ü.)
2 Ein Hasardspiel mit Karten (A.d.Ü.)
3 Säuerliches Getränk aus Roggenmehl und Malz. (A.d.Ü.)
4 Ein Stadtteil von Petersburg. (A.d.Ü.)
III
Es ging schon auf zwölf. Der Fürst wußte, daß er bei Jepantschins in ihrer Stadtwohnung jetzt nur den dienstlich beschäftigten General treffen konnte, und auch den kaum. Er sagte sich, daß der General ihn womöglich sogleich mit Beschlag belegen und mit nach Pawlowsk hinausnehmen würde, und es lag ihm doch sehr daran, vorher noch einen Besuch zu machen. Auf die Gefahr hin, daß es ihm für Jepantschins zu spät werden und er genötigt sein würde, seine Fahrt nach Pawlowsk bis zum nächsten Tag aufzuschieben, entschloß sich der Fürst dazu, zunächst jenes Haus aufzusuchen, wohin es ihn so sehr verlangte.
Dieser Besuch war für ihn übrigens in gewisser Hinsicht gewagt. Er zauderte und schwankte. Er wußte von dem Haus, daß es in der Gorochowaja-Straße lag, nicht weit von der Sadowaja-Straße, und entschied sich dafür, hinzugehen, in der Hoffnung, es werde ihm noch gelingen, ehe er hinkomme, einen endgültigen Beschluß zu fassen. Als er an die Kreuzung der Gorochowaja- und Sadowaja-Straße kam, wunderte er sich selbst über seine ungewöhnliche Aufregung; er hatte nicht erwartet, daß ihm das Herz so schmerzhaft schlagen würde. Ein Haus zog, wahrscheinlich durch seinen besonderen Anblick, schon von weitem seine Aufmerksamkeit auf sich, und der Fürst erinnerte sich später, daß er zu sich gesagt hatte: »Es wird gewiß dieses Haus sein!« Mit außerordentlicher Neugier ging er näher heran, um seine Mutmaßung auf ihre Richtigkeit zu prüfen; er fühlte, daß es ihm aus irgendeinem Grund besonders unangenehm sein würde, wenn er es sollte erraten haben. Es war dies ein großes, finsteres, dreistöckiges Haus, ohne allen architektonischen Schmuck, von schmutziggrüner Farbe. Einige, allerdings nur sehr spärliche derartige Häuser, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts gebaut sind, haben sich namentlich in diesen Straßen Petersburgs (obwohl sich doch in dieser Stadt so vieles ändert) fast unversehrt erhalten. Sie sind solide gebaut, mit dicken Mauern und sehr wenigen Fenstern; im Erdgeschoß sind die Fenster manchmal vergittert. Meist befindet sich unten ein Wechselgeschäft. Der Skopze 1 , der in dem Wechselgeschäft sitzt, wohnt oben. Ein solches Haus macht von außen und von innen einen ungastlichen, unfreundlichen Eindruck; es sucht sich gleichsam zu verstecken und zu verbergen; aber warum eigentlich schon der bloße Anblick des Hauses einen solchen Eindruck macht, das ist schwer zu sagen. Die architektonischen Linien müssen wohl auf geheimnisvolle Weise diese Wirkung ausüben. In diesen Häusern wohnen fast ausschließlich Kaufleute. Der Fürst näherte sich dem Tor, sah nach dem Türschild und las: »Haus des erblichen Ehrenbürgers Rogoschin.«
Seinem Zaudern ein Ende machend,
Weitere Kostenlose Bücher