Der Idiot
nicht begreifen! Sie ist ein wunderbares Weib, ein exzentrisches Weib; ich fürchte mich vor ihr so sehr, daß ich kaum schlafen kann. Und was hat sie für eine Equipage! Diese Schimmel! Das ist ja großartig; das ist genau das, was man im Französischen chic nennt! Wer bezahlt das für sie? Ich habe mich wahrhaftig versündigt und vorgestern gedacht, am Ende tue es Jewgeni Pawlowitsch. Aber es stellt sich heraus, daß das unmöglich ist; wenn das aber unmöglich ist, warum will sie dann diese Sache hintertreiben? Das ist das Rätsel! Um Jewgeni Pawlowitsch für sich zu behalten? Aber ich wiederhole dir und bekreuze mich dabei, daß er mit ihr nicht bekannt ist, und daß diese Wechsel pure Erfindung sind! Und mit welcher Frechheit sie ihn über die Straße weg duzte! Das ist ja die reine Tücke! Es ist klar, daß man diese Verleumdung verächtlich zurückweisen und dem beleidigten Jewgeni Pawlowitsch mit verdoppelter Achtung begegnen muß. Das habe ich auch zu Lisaweta Prokofjewna gesagt. Jetzt will ich dir meinen allergeheimsten Gedanken mitteilen: ich bin fest überzeugt, daß sie das getan hat, um sich an mir persönlich zu rächen, du erinnerst dich wohl, wegen meiner früheren Beziehungen zu ihr, wiewohl ich mir nie ihr gegenüber auch nur das geringste habe zuschulden kommen lassen. Ich erröte bei der bloßen Erinnerung. Jetzt ist sie nun wieder aufgetaucht; ich hatte schon gedacht, sie wäre für immer verschwunden. Sag mal, bitte, wo steckt denn eigentlich dieser Rogoschin? Ich dachte, sie wäre schon längst seine Frau.«
Kurz, der Mann war mit seinem Denken völlig in Unordnung geraten. Fast die ganze Stunde über, die die Fahrt dauerte, redete er allein, warf Fragen auf, die er dann selbst beantwortete, drückte dem Fürsten die Hand und überzeugte diesen wenigstens davon, daß er nicht daran dachte, ihn irgendwie im Verdacht zu haben. Das war dem Fürsten wichtig. Zuletzt erzählte er von Jewgeni Pawlowitschs Onkel, dem Chef einer Ministerialabteilung in Petersburg; »er bekleidet ein hohes Amt, ist siebzig Jahre alt, ein Lebemann, ein Gourmand und läßt sich trotz seiner Jahre noch leicht verlocken. Haha! Ich weiß, daß er von Nastasja Filippowna gehört und sich sogar um sie bemüht hat. Ich sprach vorhin bei ihm vor; aber er empfängt nicht, er ist unpäßlich. Aber er ist reich, schwerreich, besitzt großen Einfluß und ... Nun, Gott gebe ihm Gesundheit und noch ein langes Leben; aber irgendeinmal fällt doch alles Jewgeni Pawlowitsch zu ... Ja, ja ... aber doch ängstige ich mich! Ich weiß nicht, wovor; aber ich ängstige mich ... Es ist, als ob etwas in der Luft schwebte wie eine Fledermaus; es ist ein Unheil im Anzug, und ich ängstige mich, ich ängstige mich ...!«
Endlich, erst am dritten Tag, wie schon oben gesagt, erfolgte die förmliche Aussöhnung der Familie Jepantschin mit dem Fürsten Ljow Nikolajewitsch.
XII
Es war sieben Uhr abends; der Fürst wollte eben in den Park gehen.
Auf einmal kam Lisaweta Prokofjewna ganz allein zu ihm in die Veranda.
»Erstens, bilde dir nicht ein«, begann sie, »daß ich gekommen wäre, dich um Verzeihung zu bitten! Unsinn! Du allein trägst die ganze Schuld.«
Der Fürst schwieg.
»Trägst du die Schuld?«
»In demselben Maße wie Sie. Übrigens haben weder Sie noch ich in irgendeiner Hinsicht uns absichtlich schuldig gemacht. Ich hielt mich vorgestern für schuldig; aber jetzt bin ich doch anderer Ansicht geworden und meine, daß dem nicht so ist.«
»Also so denkst du darüber! Nun gut; höre zu und setze dich; denn ich beabsichtige nicht zu stehen.«
Beide setzten sich.
»Zweitens, kein Wort von den boshaften Burschen! Ich werde zehn Minuten hierbleiben und mit dir reden; ich bin hergekommen, um dich nach etwas zu fragen (du dachtest wohl schon, ich sei aus Gott weiß was für einem Grund gekommen?), und wenn du der dreisten Burschen auch nur mit einem Wort Erwähnung tust, so stehe ich auf und gehe weg und breche jeden Verkehr mit dir ab.«
»Gut«, antwortete der Fürst.
»Gestatte die Frage: hast du vor zwei oder eineinhalb Monaten, um Ostern herum, an Aglaja einen Brief geschrieben?«
»J-ja, das habe ich getan.«
»Was hattest du dabei für eine Absicht? Was stand in dem Brief? Zeige mal den Brief her!«
Lisaweta Prokofjewnas Augen blitzten; sie zitterte vor Ungeduld.
»Den Brief habe ich nicht«, versetzte der Fürst sehr erstaunt und sehr schüchtern. »Wenn er überhaupt noch existiert, muß ihn Aglaja Iwanowna
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