Der Idiot
zuletzt, konnte sich aber immer noch nicht dazu entschließen, etwas zu sagen.
»Ich sehen Ihnen an, daß Sie daran beteiligt waren.«
»Aber nur indirekt, durchaus nur indirekt! Ich sage die reine Wahrheit! Ich bin nur insofern daran beteiligt gewesen, als ich die betreffende Person rechtzeitig davon benachrichtigte, daß sich bei mir eine Gesellschaft zusammengefunden habe, und daß gewisse Leute anwesend seien.«
»Ich weiß, daß Sie Ihren Sohn dorthin geschickt hatten; er hat es mir selbst vorhin gestanden; aber was hat diese ganze Intrige zu bedeuten?« rief der Fürst ungeduldig.
»Es ist nicht meine Intrige, nicht meine Intrige«, wehrte Lebedjew mit lebhaften Gestikulationen ab. »Da stecken andere Leute dahinter, ganz andere Leute; und es ist auch eher sozusagen ein phantastischer Einfall als eine Intrige.«
»Aber um was handelt es sich denn eigentlich? Das erklären Sie mir, um des Himmels willen! Begreifen Sie denn nicht, daß die Sache mich direkt angeht? Jewgeni Pawlowitsch wird ja dadurch angeschwärzt.«
»Fürst! Durchlauchtigster Fürst!« erwiderte Lebedjew, sich wieder hin und her krümmend. »Sie erlauben mir ja nicht, die ganze Wahrheit zu sagen; ich habe Ihnen ja schon früher eine wahrheitsgemäße Mitteilung machen wollen, sogar mehrmals; aber Sie gestatteten mir nicht fortzufahren ...«
Der Fürst schwieg ein Weilchen und überlegte.
»Nun gut; sagen Sie die Wahrheit!« brachte er, offenbar nach schwerem Kampf, mühsam heraus.
»Aglaja Iwanowna ...«, begann Lebedjew sofort.
»Schweigen Sie, schweigen Sie!« rief der Fürst grimmig; er war vor Empörung, vielleicht auch vor Scham, ganz rot geworden. »Das ist unmöglich; das ist ein Unsinn! Das haben Sie alles selbst ausgedacht oder Leute, die ebenso verrückt sind wie Sie. Ich will das nie wieder von Ihnen hören!«
Spät am Abend, erst nach zehn Uhr, erschien Kolja mit einem ganzen Sack voll Nachrichten. Seine Nachrichten waren von zwiefacher Art: Petersburger und Pawlowsker. Er erzählte zunächst rasch das Wichtigste aus Petersburg (namentlich von Ippolit und der Affäre vom vorhergehenden Tag), indem er sich vorbehielt, nachher noch einmal darauf zurückzukommen, und ging dann möglichst schnell zu den Pawlowsker Ereignissen über. Er war vor drei Stunden aus Petersburg zurückgekehrt und hatte sich, ohne zu dem Fürsten zu kommen, geradewegs zu Jepantschins begeben. »Da geht es schrecklich zu!« In erster Linie stehe natürlich die Geschichte mit der Kutsche; aber gewiß sei dort noch etwas anderes passiert, das ihm und dem Fürsten unbekannt sei. »Ich habe selbstverständlich nicht spioniert und wollte niemanden ausfragen; übrigens nahmen sie mich freundlich auf, so freundlich, wie ich es gar nicht erwartet hatte; aber Ihrer, Fürst, wurde mit keinem Wort Erwähnung getan!« Das Wichtigste und Interessanteste sei, daß Aglaja sich vorhin mit den Ihrigen Ganjas wegen überworfen habe. Wie das im einzelnen zugegangen sei, wisse er nicht, nur daß der Streit sich um Ganja gedreht habe (»Stellen Sie sich so etwas vor!«), und daß sie heftig aneinandergeraten seien; also müsse der Grund ein wichtiger sein. Der General sei erst spät und in mürrischer Stimmung nach Hause gekommen, mit Jewgeni Pawlowitsch zusammen, den sie sehr gut aufgenommen hätten, und Jewgeni Pawlowitsch selbst sei erstaunlich heiter und liebenswürdig gewesen. Ferner sei eine besonders auffällige Nachricht, daß Lisaweta Prokofjewna ohne alles Aufsehen Warwara Ardalionowna, die bei den jungen Mädchen gewesen sei, auf ihr Zimmer gerufen und ihr ein für allemal das Haus verboten habe, übrigens in der höflichsten Form – »ich habe es von Warja selbst gehört«. Als Warja aber aus Lisaweta Prokofjewnas Zimmer wieder herausgekommen sei und sich von den jungen Mädchen verabschiedet habe, da hätten diese gar nicht gewußt, daß ihr das Haus für alle Zeit verboten worden sei und sie ihnen für immer Lebewohl sage.
»Aber Warwara Ardalionowna war noch um sieben Uhr bei mir! Wie geht das zu?« fragte der Fürst erstaunt.
»Aus dem Haus gewiesen wurde sie zwischen sieben und acht Uhr oder um acht. Warja tut mir sehr leid, auch Ganja tut mir leid ... Die beiden intrigieren zweifellos fortwährend; ohne das können sie gar nicht leben. Ich habe nie dahinterkommen können, was sie eigentlich im Schilde führen; und ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich versichere Ihnen, mein lieber, guter Fürst, daß Ganja ein gutes Herz hat. Allerdings haften
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