Die Rache der Zwerge
gestandenen Mannes zu erkennen, verkündete den ersten Toten unter den überrumpelten Spähern. Für Hakulana war es lediglich der Auftakt zu Schlimmerem.
Die Blitze folgten nun sehr dicht hintereinander, das Unwetter erreichte seinen Höhepunkt und gewährte der Frau kurze, grausame Einblicke in das Geschehen in der Höhle. Es waren Gemälde des Grauens, in dessen Mittelpunkt stets das Scheusal stand. Mal zerteilte es die Soldaten mit den Äxten, mal zerriss es einem Junker mit seinem Gebiss den Hals, ein anderes Mal zerquetschte es den Kopf einer Späherin mit einem Fußtritt. Die entstehenden Geräusche brachten Hakulana zum Würgen.
Die Beine der Speerjunkerin weigerten sich, die Höhle zu betreten, so sehr ihr Verstand es den Muskeln auch befahl, um bei ihren Untergebenen zu sein und ihnen beizustehen. Sie verharrte bebend im Regen, hörte und sah ihre Truppe sterben.
Aus der Schwärze rannte ein Schatten auf sie zu. Schreiend drehte sie sich zur Seite und schlug nach ihm, bevor sie ihren Irrtum bemerkte: Hakulana hatte Torant getötet.
Mit einem tiefen Schnitt im Hals stürzte er neben ihr in den Schlamm, krümmte sich und blieb liegen. Torant richtete die Augen ungläubig auf die Speerjunkerin, dann keuchte er sein Leben zu ihren Füßen aus. »Nein«, flüsterte sie und machte noch zwei Schritte rückwärts, weg von der verfluchten Höhle, in die das Böse eingefahren war. Das Keuchen des Dolchjunkers würde sie ihr Leben lang verfolgen.
Zwei weitere Soldaten taumelten ins Freie, dem einen fehlte der rechte Arm, sein Kamerad blutete aus einer Wunde über der Brust, die er aber überstehen konnte.
Endlich schüttelte Hakulana die lähmende Furcht ab. Sie stützte den Mann mit der leichteren Verletzung und überließ den Amputierten seinem Schicksal. Der Blutverlust würde ihn umbringen, daran vermochte sie nichts zu ändern.
»Weg von hier«, rief sie dem Mann durch das Toben des Sturmes ins Ohr. »Wir müssen dem Prinzen Bericht erstatten. Gegen das Monstrum können wir nichts ausrichten.«
»Was war das?«, wimmerte der Soldat ächzend, seine Beine knickten ein.
Sie packte ihn unter der Achsel und schleifte ihn rückwärts den Hügel hinab, dorthin, wo einige der Pferde stehen geblieben waren und sich Schutz suchend unter einen Baum drängten. »Eine neue Ausgeburt Tions.« Sie keuchte. Der Mann war schwer und half kaum mit, sie schleppte beinahe sein ganzes Gewicht und das seiner Rüstung.
Etwas schlug gegen seine Brust, Hakulana spürte den Einschlag ganz deutlich, und gleich darauf erschlaffte er und wurde schwerer. Sie starrte auf den langen schwarzen Schaft des Albae-Pfeils, der aus seinem Körper ragte. Als sie den Blick hob, sah sie das Monstrum am Ausgang der Höhle stehen und unmittelbar daneben eine schlanke, hoch gewachsene Gestalt. Sie trug eine schwarze, prachtvolle Rüstung aus Tionium in der Art der Albae. Der Kopf war unter einem aufwändig gearbeiteten Helm verborgen, am Gürtel hingen zwei Schwerter. Man hätte sie für ein Mahnmal halten können, das an die Gefährlichkeit des grausamen Volkes aus Dsön Balsur erinnern sollte.
Die Gestalt legte einen neuen Pfeil auf die Sehne des geschwungenen Bogens und richtete die Spitze auf Hakulana.
Die Frau ließ den Leichnam fallen, hechtete zur Seite und spürte gleich danach ein Brennen in ihrer linken Schulter. Sie war von dem Geschoss getroffen worden.
Fluchend brach sie den gefiederten Schaft ab und ließ die Spitze vorerst im Arm stecken. Immer in Deckung der Ruinen und des Schutts bleibend, rutschte sie zu den fahrigen Pferden und versuchte, auf eines zu steigen. Gerade als sie es geschafft hatte, die Mähne zu packen und sich auf den ungesattelten Rücken zu schwingen, brach es schnaubend zusammen; ein Pfeil ragte aus dem rechten Auge.
Hakulana sprang geistesgegenwärtig auf das nächste Tier, das daraufhin erschrocken lospreschte. Das nächste Geschoss verfehlte sie nur um eine Handbreit, bohrte sich in den oberen Rücken und stachelte das Pferd zu höherer Geschwindigkeit bei der Flucht an.
Die Blitze krachten nieder, so laut hatte die Speerjunkerin niemals zuvor ein Gewitter erlebt. Und trotzdem hörte sie etwas. Rhythmisches Stampfen ließ sie über die Schulter nach hinten blicken.
Das Monstrum verfolgte sie! Mit weit ausholenden Schritten hetzte es in all seiner Furcht einflößenden Hässlichkeit hinter ihr her, den lippenlosen Mund weit geöffnet und laut schnaubend. Die Stiefel hinterließen tiefe Abdrücke in dem weichen Boden, das
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