Amnion Omnibus
der Faust.
»Was meinen Sie damit?“
Ein benachbarter Monitor diente Dios zu dem Zweck, sich die Überreste der externen GD— Kommunikationsvorrichtungen nutzbar zu machen.
Dank einigen Einfallsreichtums gelang es ihm, an der Stationsnabe eine Trichterantenne aufs VMKP-HQ zu richten. Auf eine dritte Mattscheibe projizierte er die laufenden Schadenserfassungsmeldungen, um einen Überblick sämtlicher noch aktiver Energiequellen, aller Generatoren und Akkumulatoren, zu erhalten.
»Das soll heißen«, gab er Servil zur Antwort, »daß ich Ihre Station, nachdem wir möglichst viele Leute aus dieser Blechbüchse weggeschafft haben, in Stücke sprenge.« »Hören Sie auf!« schrie der junge Mann augenblicklich. »Aufhören!« Er sprang von seinem Sitz hoch und zielte mit der Waffe auf Dios’ Schläfe. »Nehmen Sie die Hände von der Tastatur!“
Warden Dios dachte gar nicht daran.
»Polizeipräsident, das kann ich auf keinen Fall zulassen!“
Dios mißachtete auch diese Äußerung.
»Geben Sie acht«, knurrte er, während er sich dennoch um volle Konzentration bemühte. »Holt Fasner hat Ihnen verschwiegen, was er mit den Daten anzustellen gedenkt, weil er befürchtet, Sie wären darüber entsetzt. Und hätten Sie sich geweigert, sie ihm zu kopieren, wäre er in Schwierigkeiten gewesen. Er mußte wenigstens einen Techniker haben, auf den Verlaß ist.
Aber ich scheue das Risiko nicht, Ihnen ‘n kleinen Schreck einzujagen. Sie wissen, was er sich in den Bordcomputer seiner Interstellar-Yacht lädt. Er muß Ihnen Spezifikationen der gewünschten Daten genannt haben.“
Auch wer gehorchte, ohne zu fragen, brauchte konkrete Anweisungen. »Er kopiert sich alles, was ihm Macht verleiht. Betriebs-und Geschäftsgeheimnisse.
Vetragswerke und Erpressungsmaterial. Personen-und Personaldaten, Notizen über gesetzwidrige Befehle, Überweisungs-und Zahlungslisten, Sitzungsprotokolle.
Die Beweise jedes Verbrechens, das er je begangen hat, und alles, wodurch es ihm möglich ist, dem EKRK die Politik zu diktieren.“
Warden Dios’ IR-Prothese sah Servil drohendes Nervenversagen an. Der junge Techniker stand dicht davor, den Abzug durchzuziehen.
»Mein Gott, Mensch«, sagte Dios, so daß es wie ein Stöhnen klang, »Sie haben doch nicht geglaubt, er wäre nur dank seiner Persönlichkeit so weit gekommen, oder? Niemand hat eine so saubere Weste, wie er von sich behauptet. Und es empfiehlt sich ja wohl, von vornherein gegen jemanden mißtrauisch zu sein, der durch Handelsbeziehungen zu den Amnion soviel Geld macht. Ich weiß jedenfalls, die Wahrheit ist, daß Holt Fasner sein Wirtschaftsimperium durch Betrug, Diebstahl, Mord und Manipulation aufgebaut hat. Ich muß es wissen« – sein Tonfall wurde bitter –, »weil ich ihm dabei in beachtlichem Umfang geholfen habe.“
Verunsicherung lockerte Servils Finger am Abzug. Anscheinend wußte er nicht, was er von Dios’ Offenheit denken sollte. Wahrscheinlich war er, geradeso wie die meisten Bewohner der Erde, in der Überzeugung aufgewachsen, die VMKP wäre eine grundanständige und unentbehrliche Institution. Holt Fasner hatte diese Illusion bei jeder Gelegenheit verbreitet. Und Warden Dios hatte beigetragen, was er konnte, um diese Vorspiegelung mit Scheinsubstanz auszustatten.
»Warum braucht er ausgerechnet jetzt diese ganzen Informationen?« fragte er grimmig. »Haben Sie sich diese Frage schon gestellt? Es hat doch den Anschein, als wäre er erledigt, nicht wahr? Um Himmels willen, er hat versucht, das Regierungskonzil auszurotten. Welcher Wert fällt da jetzt noch seinen Aufzeichnungen zu?« »Keine Ahnung«, gestand der Techniker stirnrunzelnd.
»Na, aber ich«, raunzte Warden Dios. »Er kann sie verkaufen. Die Macht steckt immer noch drin. Er hätte die Möglichkeit, sie an Illegale zu verscherbeln. Sie könnten damit Konzilsdelegierte unter Druck setzen und für ihre Interessen einspannen, sogar halblegal ganze Raumstationen übernehmen. Und ihm stünde als Gegenleistung ihre Unterstützung zur Verfügung, wann er sie braucht.“
Er schwieg kurz. »Oder er kann die Daten«, stellte er ausdruckslos fest, »an die Amnion verschachern.“
Servil erschrak. »Warum sollte er…?« »Weil sie ihm dafür mehr als jeder andere zu bieten haben«, erklärte Warden Dios, als spritzte Säure von seinen Lippen. »Er ist hundertfünfzig Jahre alt. Normalerweise wäre er schon vor Jahrzehnten gestorben. Sie kennen eine Methode, um ihm bei Bedarf einen neuen Körper zu geben.
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