Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
Tinte; Das Arschloch ist ein Taler groß, und vorne hängt die Flinte!
»Vielen Dank, Kate, Sie können jetzt gehen«, sagte Alma dann zu dem bedauernswerten Mädchen, das gerade den Dienst versah, und führte es zur Tür, während Henry bereits weitersang: »Ich kannt ’ne Kate in Liverpool, die hatte da ’ne Hurenschul’!«
Henry hatte sich nie allzu sehr um Höflichkeiten geschert, doch nun scherte er sich keinen Deut mehr darum. Er sagte, was immer er sagen wollte – und womöglich, so schien es Alma, sogar noch mehr, als er eigentlich sagen wollte. Er war indiskret bis zum Äußersten. Er krakeelte über Geld, über vereitelte Geschäftsabschlüsse. Er beschuldigte und bohrte, attackierte und parierte. Selbst mit den Toten geriet er in Streit. Er lieferte sich Wortgefechte mit Sir Joseph Banks und versuchte erneut, ihn zu überzeugen, am Fuße des Himalaya Chinarindenbäume anzupflanzen. Er wetterte auf den längst verstorbenen Vater seiner verblichenen Frau: »Wirst schon sehen, du stinktierköpfiger alter Mistkäfer von Holländer, was für ein reicher Mann ich einmal werde!« Seinen eigenen längst verstorbenen Vater beschimpfte er als kriecherischen Stiefellecker. Er verlangte, man solle Beatrix herholen, damit sie sich um ihn kümmere und ihm Apfelwein bringe. Wo steckte seine Frau? Wozu hielt man sich denn eine Frau, wenn sie einen nicht einmal auf dem Krankenbett pflegte?
Und dann, eines Tages, sah er Alma direkt ins Gesicht und sagte: »Und du glaubst, ich weiß nicht, was dein sogenannter Ehemann für einer war!«
Alma zögerte einen Augenblick zu lang damit, die Schwester aus dem Zimmer zu schicken. Sie hätte es sofort tun sollen, doch stattdessen wartete sie, weil sie nicht wusste, worauf ihr Vater hinauswollte.
»Glaubst du, ich wäre auf meinen Reisen nicht oft genug solchen Männern begegnet? Glaubst du, ich wäre nicht selbst mal so einer gewesen? Glaubst du, die haben mich auf der Resolution angeheuert, weil ich so ein fähiger Seemann war? Ich war ein haarloser kleiner Knabe, Plum – eine haarlose kleine Landratte, noch grün hinter den Ohren, mit einem hübschen, unverbrauchten Arschloch. Ich schäme mich nicht, das zuzugeben!«
Er sagte »Plum« zu ihr. Diesen Namen hatte er seit Jahren, ach was, seit Jahrzehnten nicht mehr verwendet. Manches Mal in den letzten Monaten hatte er sie nicht einmal erkannt. Doch jetzt, da er sie bei dem geliebten alten Kosenamen nannte, wusste er offenbar genau, wer sie war – und damit wohl auch genau, was er da sagte.
»Sie können jetzt gehen, Betsy«, sagte Alma, zur Krankenschwester gewandt, doch die hatte es mit einem Mal nicht mehr eilig, das Zimmer zu verlassen.
»Frag dich doch mal, was sie da auf dem Schiff mit mir angestellt haben, Plum! Ich war der jüngste Grünschnabel von allen! Bei Gott, die hatten ihren Spaß mit mir!«
»Vielen Dank, Betsy.« Alma erhob sich, um die Schwester höchstpersönlich zur Tür zu geleiten. »Und schließen Sie bitte die Tür hinter sich. Vielen Dank. Sie waren uns eine große Hilfe. Besten Dank. Nun gehen Sie schon.«
Henry stimmte derweil ein scheußliches Lied an, das Alma bisher noch nie gehört hatte: »Besprungen hab’n sie mich, Mann für Mann; der Maat, der nahm mich so richtig ran.«
»Vater«, sagte Alma, »du musst aufhören.« Sie trat an sein Bett und legte ihm die Hände auf die Brust. »Du musst jetzt damit aufhören.«
Henry hörte auf zu singen und sah sie aus flammenden Augen an. Seine knochigen Finger schlossen sich um ihre Handgelenke.
»Frag dich doch mal, warum er dich geheiratet hat, Plum«, sagte er mit einer Stimme, so klar und kräftig wie die Jugend selbst. »Nicht des Geldes wegen, würd ich wetten! Und auch nicht wegen deines kleinen unverbrauchten Arschlochs. Dann muss es wohl was anderes gewesen sein. Du verstehst es nicht, was? Und ich sag dir was, ich versteh’s auch nicht.«
Alma löste ihre Hände aus seinem Griff. Sein Atem roch faulig. Ein großer Teil von ihm war bereits tot.
»Lass jetzt das Reden, Vater, und trink ein wenig Brühe«, sagte sie, setzte ihm die Tasse an die Lippen und wich seinem Blick aus. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass die Krankenschwester noch draußen an der Tür lauschte.
Er fing wieder an zu singen: »Lichtet den Anker und Leinen los! Unser Herz ist schwarz und die Gier so groß!«
Sie versuchte, ihm etwas Brühe einzuflößen – und sei es nur, um ihn am Weitersingen zu hindern –, doch er spuckte sie wieder aus und stieß
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