Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
Sache, fahrt einfach nur.« Er sah auf die Uhr im Instrumentenbrett, aber die war offensichtlich defekt. Die Zeiger waren schon lange auf (natürlich) 9.19 Uhr stehen geblieben. »Vielleicht ist es noch nicht zu spät«, sagte er, während der blaue Van vor ihnen, von Jake und Roland völlig unbeachtet, seinen Vorsprung zu vergrößern begann. Einmal geriet er über den Mittelstrich der Route 7 auf die Gegenfahrbahn, und Mrs. Tassenbaum hätte sich fast zu einer Bemerkung hinreißen lassen – irgendwas über Leute, die schon vor fünf Uhr zu trinken begannen –, aber dann kehrte der Van doch wieder auf seine Straßenseite zurück, fuhr über den nächsten Hügel und verschwand in Richtung Lovell.
Mrs. Tassenbaum dachte nicht mehr an ihn. Es gab interessantere Dinge, über die sie nachdenken musste. Beispielsweise …
»Was ich jetzt frage, braucht ihr nicht zu beantworten, wenn ihr nicht wollt«, sagte sie, »aber ich gebe zu, dass ich neugierig bin: Seid ihr Wiedergänger, Jungs?«
5
Bryan Smith hat die letzten paar Nächte – mit seinen Rottweilern, beide aus demselben Wurf, denen er die Namen Bullet und Pistol gegeben hat – auf dem Million Dollar Campground knapp außerhalb des Gemeindegebiets von Lovell-Stoneham verbracht. Dort am Fluss lässt es sich recht gut aushalten (die Einheimischen nennen die wackelige Holzkonstruktion, die über das Wasser führt, die Million Dollar Bridge, was Bryan als Witz versteht, der noch dazu, bei Gott!, recht komisch ist). Außerdem kreuzen dort manchmal Leute auf – vor allem Hippietypen aus den Wäldern um Sweden, Harrison und Waterford –, die immer irgendwelche Drogen zu verkaufen haben. Bryan ist gern ein bisschen auf Droge, mag gern down sein, wenn’s beliebt, und er ist an diesem Samstagnachmittag down … nicht sehr, nicht so, wie er es am liebsten mag, aber doch genug, um nach etwas zu gieren, das sich mampfen lässt. Im Center Lovell Store haben sie diese Mars-Schokoriegel. Und wenn man heißhungrig ist, gibt’s nichts Besseres zu mampfen.
Er fährt vom Campingplatz auf die Route 7 hinaus, ohne auch nur einen Blick nach rechts oder links zu werfen, und sagt dann: »Ups, wieder vergessen!« Allerdings ist hier niemand unterwegs. Später – vor allem zwischen dem Unabhängigkeitstag und dem Labor Day Anfang September – wird es sogar hier draußen in der Provinz mehr Verkehr geben, durch den man sich kämpfen muss, und er wird wahrscheinlich keine weiten Ausflüge mehr machen. Er weiß, dass er kein besonders guter Fahrer ist; beim nächsten Strafzettel wegen Schnellfahrens oder eines Blechschadens ist er seinen Führerschein vermutlich für ein halbes Jahr los. Wieder mal.
Aber diesmal gibt’s keine Probleme; der einzige andere Wagen in Sichtweite ist ein alter Pick-up, aber diese Dschunke ist längst eine halbe Meile hinter ihm.
»Friss meinen Staub, Cowboy!«, sagt er und kichert. Er weiß nicht, warum er Cowboy gesagt hat, obwohl er an Motherfucker gedacht hat – wie in Friss meinen Staub, Motherfucker –, aber es klingt gut. Es klingt richtig. Er merkt, dass er auf die Gegenfahrbahn geraten ist, und korrigiert seinen Kurs. »On the road again!«, ruft er aus und lässt dabei ein weiteres hohes Kichern hören. On the road again ist ein guter Scherz, den er immer bei Mädchen anbringt. Gut kommt’s auch an, wenn man das Lenkrad so hin und her reißt, dass der Wagen über die Straße schlingert, und dazu sagt: Jesses! Mann, muss ich viel Hustensaft erwischt haben! Er kennt viele Sprüche dieser Art, hat sogar mal daran gedacht, ein Buch mit dem Titel Verrückte Straßenwitze zu schreiben. Wäre das nicht ein Heuler: Bryan Smith schreibt ein Buch genau wie dieser Kerl King da drüben in Lovell!
Er stellt das Radio an (wobei der Van auf den weichen Seitenstreifen links neben der Fahrbahn gerät und eine Staubfahne hinter sich herzieht, ohne jedoch in den Straßengraben zu rutschen) und bekommt Steely Dan rein, die »Hey Nineteen« spielen. Geiler Song! Ja, Sir, voll geil! Als Reaktion auf die Musik fährt er etwas schneller. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt ihm, dass seine Hunde, Bullet und Pistol, mit glänzenden Augen über die Rücksitzlehne glotzen. Eine Sekunde lang glaubt Bryan, dass sie ihn ansehen, sich vielleicht denken, was für ein feiner Kerl er ist, dann fragt er sich, wie man bloß so dämlich sein kann. Hinter dem Fahrersitz steht eine Kühlbox aus Styropor mit einem Pfund Hamburgerfleisch, das er sich später auf dem
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