Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
Das Schindeldach des Hauses unter ihnen war irgendwann in den vergangenen Jahren durch Kupferblech ersetzt worden, und die bewaldete Fläche hinter dem Haus war jetzt ein Rasen, aber die Einfahrt war gleich geblieben: links ein Schild mit dem Namen CARA LAUGHS und rechts eines mit der Zahl 19 in großen Ziffern. Dahinter lag der im hellen Nachmittagslicht blau glitzernde See.
Vom Rasen kam das Knattern eines angestrengt ratternden kleinen Motors herauf. Roland sah zu Jake hinüber und erschrak sofort über die bleichen Wangen des Jungen und dessen weit aufgerissene, ängstlich dreinblickende Augen.
»Was? Was ist los?«
»Er ist nicht hier, Roland. Weder er noch jemand aus seiner Familie. Nur der Mann, der den Rasen mäht.«
»Unsinn, du kannst doch nicht …«, begann Mrs. Tassenbaum.
»Ich weiß es!«, brüllte Jake sie an. »Ich weiß es, Lady!«
Roland starrte Jake offen mit einer Art entsetzter Faszination an … aber in seiner gegenwärtigen Verfassung verstand der Junge diesen Blick nicht oder übersah ihn ganz.
Weshalb lügst du, Jake?, dachte der Revolvermann. Und unmittelbar darauf: Nein, er lügt nicht.
»Was ist, wenn es schon passiert ist?«, fragte Jake, und ja, doch, er war wirklich wegen King besorgt, wenngleich Roland den Verdacht hatte, dass das nicht der einzige Grund für Jakes Besorgnis war. »Was ist, wenn er tot ist und seine Angehörigen nicht hier sind, weil die Polizei sie benachrichtigt hat, und …«
»Es ist nicht passiert«, sagte Roland, aber das war auch schon alles, was er mit Sicherheit sagen konnte. Was weißt du, Jake, und warum erzählst du’s mir nicht?
Er hatte allerdings keine Zeit, sich jetzt länger darüber Gedanken zu machen.
8
Die Stimme des Mannes mit den blauen Augen klang ruhig, als er mit dem Jungen sprach, aber er erschien Irene Tassenbaum nicht ruhig, durchaus nicht. Die singenden Stimmen, die sie zuerst vor dem East Stoneham General Store gehört hatte, hatten sich verändert. Ihr Lied klang zwar noch immer süß, aber hatte sich da nicht eine verzweifelte Note eingeschlichen? Sie glaubte, eine zu hören. Eine hohe, flehende Klangfarbe, die ihre Schläfen pochen ließ.
»Wie willst du das wissen?«, schrie der Junge namens Jake den Mann an – seinen Vater, wie sie vermutete. »Wie willst du dir da so gottverdammt sicher sein?«
Statt die Frage des Jungen zu beantworten, sah der Mann namens Roland sie an. Mrs. Tassenbaum fühlte, dass sie auf Armen und Rücken eine Gänsehaut bekam.
»Fahrt runter, Sai, wenn’s beliebt.«
Sie betrachtete die steile Zufahrt zum Haus Cara Laughs zweifelnd. »Dann komme ich mit der Klapperkiste hier aber vielleicht nicht wieder rauf.«
»Das werdet Ihr müssen«, sagte Roland.
9
Der Mann, der den Rasen mähte, war Kings Leibeigener, nahm Roland an, oder was sonst in dieser Welt dafür galt. Unter dem Strohhut lugte weißes Haar hervor, aber er hielt sich gerade, wirkte gesund und schien die Last seiner Jahre ohne große Mühe zu tragen. Als der Pick-up nun die steile Zufahrt zum Haus herunterrollte, hielt der Mann inne, wobei er einen Arm auf dem Gestänge des Rasenmähers ruhen ließ. Als die Beifahrertür geöffnet wurde und der Revolvermann ausstieg, betätigte er den Zündschalter, um den Motor abzustellen. Und er nahm den Hut ab – ohne recht zu merken, was er da tat, wie Roland vermutete. Dann registrierte er den Revolver an Rolands Seite und riss die Augen weit genug auf, um die Krähenfüße um sie herum verschwinden zu lassen.
»Howdy, Mister«, sagte er vorsichtig. Er hält mich wohl für einen Wiedergänger, dachte Roland. Genau wie die Frau es getan hat.
Und sie waren ja auch gewissermaßen Wiedergänger, Jake und er; und waren zudem zufälligerweise zu einer Zeit und an einem Ort aufgetaucht, an dem solche Erscheinungen sich häuften.
Und wo die Zeit rasend schnell verging.
Roland sprach, bevor der Mann weiter etwas sagen konnte. »Wo sind sie? Wo ist er? Stephen King? Sprecht, Mann, und sagt mir die Wahrheit!«
Der Strohhut glitt aus den kraftlos werdenden Fingern des Alten und fiel vor seinen Stiefeln ins frisch gemähte Gras. Mit seinen haselnussbraunen Augen starrte er fasziniert in Rolands Augen: ein von der Schlange hypnotisiertes Kaninchen.
»Die Familje is in ihrm Haus am andern Seeufer«, sagte er. »Das den Schindlers gehört hat. Sie feiert dort. Steve hat gesagt, dass er nach seinem Spaziergang rüberfährt.« Er wies auf einen kleinen schwarzen Wagen, der am
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