Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
weitere Reihe dieser krampfhaften Sprünge vermeiden zu können. Jake und Roland stützten sich jetzt von dem staubigen Instrumentenbrett ab, auf dem ein rotweiß-blauer Aufkleber AMERICA! LOVE IT OR LEAVE! forderte. Die Sprünge erwiesen sich jedoch schließlich sogar als ihr Glück. Im selben Augenblick kam ein Langholzwagen – Roland musste unwillkürlich an den denken, der bei seinem letzten Aufenthalt hier verunglückt war – über die Kuppe nördlich des Ladens. Wäre der Pick-up nicht auf den Parkplatz zurückgehoppelt (wo er den Kotflügel eines geparkten Wagens eindrückte, bevor er endlich zum Stehen kam), wären sie mittschiffs gerammt worden. Und sehr wahrscheinlich dabei umgekommen. Der Langholzwagen wich mit trompetendem Horn aus, worauf die Hinterräder eine riesige Staubwolke aufwirbelten.
Das Geschöpf auf dem Schoß des Jungen – Mrs. Tassenbaum kam es wie eine verrückte Mischung aus Hund und Waschbär vor – bellte wieder ein Wort.
Fuck. Da war sie sich ziemlich sicher.
Der Ladenbesitzer und die anderen Kunden standen hinter dem Schaufenster aufgereiht, und Irene wusste plötzlich, wie sich ein Fisch im Aquarium fühlen musste.
»Lady, können Sie die Kiste fahren oder nicht?«, brüllte der Junge. Über die linke Schulter hatte er eine Art Tasche hängen. Sie erinnerte an die eines Zeitungsjungen, war aber aus Schilf geflochten und schien Teller zu enthalten.
»Ich kann sie fahren, junger Mann, nur keine Sorge.« Sie war verängstigt, aber zugleich … Machte ihr das nicht auch alles irgendwie Spaß? Sie glaubte es fast. In den letzten achtzehn Jahren war sie kaum mehr gewesen als etwas, mit dem der große David Tassenbaum sich schmückte, eine Schauspielerin, die in seinem zunehmend berühmten Leben eine Nebenrolle spielte, die Dame des Hauses, die »Diese hier müssen Sie versuchen« sagte, während sie auf Partys Kanapees herumreichte. Jetzt war sie plötzlich im Mittelpunkt von irgendwas, und sie ahnte, dass dieses Irgendwas in der Tat höchst wichtig war.
»Tief Luft holen«, sagte der Mann mit dem harten sonnenverbrannten Gesicht. Er starrte mit seinen leuchtend blauen Augen in ihre, und wie er das tat, war es schwierig, an etwas anderes zu denken. Außerdem war das Gefühl angenehm. Wenn das Hypnose ist, dachte sie, sollte man das an staatlichen Schulen unterrichten. »Die Luft anhalten, dann ausatmen. Und jetzt fahrt uns, um Eures Vaters willen.«
Sie atmete wie angewiesen tief durch, und auf einmal erschien ihr der Tag heller – fast leuchtend. Und sie konnte leise singende Stimmen hören. Wunderschöne Stimmen. Lief im Autoradio etwa irgendeine Schnulzensendung? Keine Zeit, das zu überprüfen. Aber es war angenehm, was immer es war. So beruhigend wie das tiefe Atemholen.
Mrs. Tassenbaum trat die Kupplung und ließ den Motor an. Diesmal fand sie den Rückwärtsgang beim ersten Versuch und stieß halbwegs gekonnt rückwärts auf die Straße hinaus. Als sie dann den ersten Gang einlegen wollte, erwischte sie jedoch den zweiten, sodass der Motor fast abstarb, als sie die Kupplung kommen ließ, aber dann schien er sich ihrer doch zu erbarmen. Mit dem Pfeifen von losen Kolbenringen und wahnsinnigem Geklapper unter der Motorhaube fuhren sie endlich nach Norden in Richtung Stoneham-Lovell davon.
»Wisst Ihr, wo die Turtleback Lane ist?«, fragte Roland sie. Vor ihnen, in der Nähe einer Reklametafel mit der Aufschrift MILLION DOLLAR CAMPGROUND fuhr ein klappriger blauer Minivan auf die Straße hinaus.
»Ja«, sagte sie.
»Bestimmt?« Der Revolvermann wollte mit der Suche nach der abgelegenen Straße, in der King wohnte, auf keinen Fall kostbare Zeit vergeuden.
»Ja. Wir haben Freunde, die dort wohnen. Die Beckhardts.«
Einen Augenblick lang konnte Roland nur herumrätseln: Er wusste, dass er diesen Namen schon einmal gehört hatte, konnte sich zunächst aber nicht erinnern, wo. Dann kam er darauf. Beckhardt war der Name des Mannes, in dessen Haus Eddie und er ihr letztes Palaver mit John Cullum gehalten hatten. Er spürte einen neuerlichen Stich ins Herz, als er daran dachte, wie Eddie an jenem Nachmittag gewesen war: noch so stark und lebensprühend.
»Gut«, sagte er. »Ich glaube Euch.«
Sie sah an dem zwischen ihnen sitzenden Jungen vorbei zu ihm hinüber. »Sie haben’s wohl verdammt eilig, Mister – wie das weiße Kaninchen in Alice im Wunderland. Zu welchem hochwichtigen Anlass kommen Sie denn beinahe zu spät?«
Roland schüttelte den Kopf. »Tut nichts zur
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