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Der Idiot

Titel: Der Idiot Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fëdor Michajlovic Dostoevskij
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Lisaweta Prokofjewnas Brief hin wie einen leiblichen Sohn aufgenommen und mir wirklich wie einem leiblichen Sohn einen Rat gegeben, den ich nie vergessen werde? Erinnern Sie sich wohl?«
    »Was redest du für tolles Zeug zusammen?« erwiderte die alte Bjelokonskaja ärgerlich. »Du bist ein guter, aber komischer Mensch: wenn man dir zwei Groschen schenkt, bist du so dankbar, als ob man dir das Leben gerettet hätte. Du denkst, das ist lobenswert, aber es ist widerwärtig.«
    Sie wollte schon ernstlich zornig werden, brach aber plötzlich in ein Gelächter aus, und es war diesmal ein gutmütiges Gelächter. Auch Lisaweta Prokofjewnas Gesicht glänzte; nicht minder strahlte Iwan Fjodorowitsch. »Ich habe es ja gesagt, Ljow Nikolajewitsch ist ein Mensch ... ein Mensch ... mit einem Wort, wenn er nur nicht außer Atem käme, wie die Fürstin richtig bemerkt hat ...«, murmelte der General in einer Art von Freudenrausch, indem er die Worte der alten Bjelokonskaja, die ihn beeindruckt hatten, wiederholte.
    Nur Aglaja schien traurig zu sein; aber ihr Gesicht glühte immer noch, vielleicht vor Unwillen.
    »Er ist wirklich sehr liebenswürdig«, murmelte der Alte wieder, zu Iwan Petrowitsch gewandt.
    »Ich kam hierher mit tiefem Schmerz im Herzen«, fuhr der Fürst fort, mit immer wachsender Erregung, immer schneller und schneller, mit immer seltsamerer Begeisterung; »ich ... fürchtete mich vor Ihnen, fürchtete mich vor mir selbst. Am meisten vor mir selbst. Als ich hierher nach Petersburg zurückkehrte, hatte ich mir vorgenommen, jedenfalls unsere ersten, ältesten Familien kennenzulernen, zu denen ich selbst gehöre, unter denen ich selbst durch meine Herkunft einer der ersten Vertreter bin. Nun sitze ich ja jetzt mit ebensolchen Fürsten zusammen, wie ich einer bin, nicht wahr? Ich wollte Sie kennenlernen, und das war notwendig, sehr, sehr notwendig ...! Ich hatte über Sie immer sehr viel Schlechtes gehört, mehr als Gutes: über die Kleinlichkeit und Exklusivität Ihrer Interessen, über Ihre Rückständigkeit, über Ihre geringe Bildung, über Ihre lächerlichen Gewohnheiten – oh, es wird ja so vieles über Sie geschrieben und geredet! Ich bin voller Neugier und Erregung heute hierhergekommen: ich wollte mich selbst persönlich davon überzeugen, ob wirklich diese ganze obere Schicht des russischen Volkes nichts mehr taugt, die ihr zugemessene Zeit bereits abgelebt hat, keine Lebenskraft mehr besitzt, zu weiter nichts mehr fähig ist als zu sterben, aber doch immer noch in kleinlichem Neid einen Kampf gegen die Männer der Zukunft führt und sich ihnen in den Weg stellt, ohne zu merken, daß sie selbst im Absterben begriffen ist. Ich habe diese Meinung auch früher nicht im vollen Umfang für richtig gehalten, weil es bei uns eine höhere Gesellschaftsklasse eigentlich nie gegeben hat, außer etwa der Hofgesellschaft, zu der mancher durch seine Uniform oder durch irgendeinen Zufall gehörte, und jetzt ist auch die ganz verschwunden, nicht wahr, nicht wahr?«
    »Nun, das verhält sich ganz und gar nicht so!« bemerkte Iwan Petrowitsch spöttisch lachend.
    »Na, nun ist er richtig wieder in Zug gekommen!« sagte die alte Bjelokonskaja verdrießlich.
    »Laissez le dire! Er zittert ja am ganzen Leib«, sagte der Alte wieder halblaut in warnendem Ton. Der Fürst hatte sich augenscheinlich nicht mehr in der Gewalt.
    »Und was fand ich? Ich sah elegante, gutherzige, verständige Menschen; ich sah einen alten Herrn, der einen jungen Menschen, wie ich, liebkost und anhört; ich sehe Menschen, die imstande sind zu verstehen und zu verzeihen, Russen, die fast ebenso gut und herzlich sind wie die, mit denen ich in andern Schichten zusammengekommen bin, fast in nicht minderem Grad. Urteilen Sie selbst, wie freudig ich erstaunt war! Oh, erlauben Sie mir, diesem Gefühl Ausdruck zu geben! Ich habe oft gehört und selbst stark geglaubt, in der vornehmen Welt sei alles nur Schein, alles nur abgelebte Form; der eigentliche Kern sei vertrocknet; aber nun sehe ich ja selbst, daß das bei uns nicht zutrifft; das mag anderswo so sein, bei uns ist es nicht so. Sind Sie denn sämtlich jetzt Jesuiten und Betrüger? Ich habe vorhin den Fürsten N. etwas erzählen hören: war das nicht gutherziger, sprudelnder Humor? War das nicht wahre Herzensgüte? Können denn solche Worte von den Lippen eines geistig erstorbenen Menschen kommen, dessen Herz eingeschrumpft, dessen Talent versiegt ist? Könnten denn erstorbene Menschen mit mir so umgehen,

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