Der verlorne Sohn
verstreichen!«
Der Baron mußte es dem Schmiede ansehen und anhören, daß dieser in unerschütterlichstem Ernste spreche. Er warf einen besorgten Blick auf die Uhr und sagte: »Aber anderwärts als bei mir befinden Sie sich in augenscheinlichster Gefahr, ergriffen zu werden.«
»Wir werden uns zu wahren wissen!«
»Nun gut! Kommen Sie morgen Abend zehn Uhr.«
»Wird das Geld bereit liegen?«
»Ja.«
»Die Pässe und das Andere?«
»Ja. Bringen Sie Ihren Sohn mit, damit ich ihn doch noch einmal zu sehen bekomme.«
»Der kommt nicht mit.«
»Warum nicht?«
»Kommen wir Beide, so sind wir verloren. Einer von uns muß fortbleiben; dann sind wir sicher.«
»Hartkopf verteufelter.«
»Mag ich hartköpfig sein! Das ist jedenfalls besser, als wenn ich wie ein dummer Staar in die Schlinge fliege, welche ich offen sehe.«
»Ich sehe, daß es am Besten ist, Sie schwatzen zu lassen. Aber Eins bitte ich mir aus. Kommen Sie morgen nicht wieder so wie heute durch den öffentlichen Eingang.«
»Warum nicht?«
»Die Polizei sucht Sie. Ich werde ihr doch nicht merken lassen, daß Sie bei mir verkehren.«
»Gut, meinetwegen! Giebt es denn einen anderen Weg?«
»Ja. Wenn Sie um die obere Ecke meines Palais biegen, so kommen Sie an ein kleines Pförtchen. Dieses wird volle fünf Minuten vor der angegebenen Zeit für Sie offen stehen.«
»Soll ich diesen Ausgang auch jetzt benutzen?«
»Nein. Meine Leute haben Sie kommen sehen; sie müssen auch bemerken, daß Sie wieder gehen.«
»Schön! Haben Sie noch einen Befehl?«
»Nein. Aber wissen möchte ich doch, wo Sie bis morgen Abend ein Versteck suchen werden.«
»Dies zu wissen, kann Ihnen keinen Nutzen, uns aber nur Schaden bringen. Gute Nacht!«
Er ging. Der Baron ballte hinter ihm die Fäuste gegen die Thür und knirschte voller Grimm: »Alter Teufel, ich überliste Dich doch! Das Geld sollst Du erhalten; aber wenige Minuten später nehme ich es Euch wieder ab. Ich werde meine Leute so postiren, daß Ihr uns unmöglich entgehen könnt!«
Diese Worte waren so laut gesprochen, daß der Fürst, welcher sich leise hinter dem Bette hervorschlich, sie noch zu hören vermochte. Dann huschte er vorsichtig nach der Garderobe und von da zu der Treppe hinunter.
Unten stand Adolf im Finstern.
»Fertig?« fragte er.
»Ja. Schnell fort! Wo steht die Droschke?«
»Drüben an der Ecke.«
»Den Schlüssel her!«
Er schloß die Pforte zu und eilte mit Adolf nach der Droschke, welche schon längst da gewartet hatte.
»Gasthof zum goldenen Ring!« sagte er. »Wo liegt er?«
»In der Marienvorstadt,« antwortete der Kutscher.
»Kommen wir da an einer Polizeiwache vorüber?«
»Ja. Sie liegt nicht weit von dem Gasthofe.«
»Halten Sie dort!«
Das Pferd setzte sich in Bewegung. Bald kamen sie an einem hoch und stark gebauten Mann vorüber, welcher langsam die Straße hinabschritt.
»Das ist der Schmied,« sagte der Fürst. »Er geht langsam. Wir haben also Zeit.«
Als sie die Polizeiwache erreichten, stieg er ab und ging hinein. Es war wohl gegen ein Dutzend Polizeier beisammen. Nach seinem Wunsche gefragt, antwortete er: »Meine Herren, ich bin Der, den man den Fürsten des Elends zu nennen pflegt. Haben Sie Ihre Instructionen bezüglich der beiden Schmiede Wolf erhalten?«
»Ja,« ertönte die Antwort.
Sie Alle standen in Achtung vor dem Manne, welcher den so berühmten und doch so geheimnißvollen Namen genannt hatte. In seiner gegenwärtigen Verkleidung konnten sie in ihm den Fürsten von Befour nicht erkennen.
»Wollen Sie ihn fangen?« fragte er weiter.
»Ja, ja! Ist er da? Ist er in der Residenz?«
»Nicht nur er, nicht nur Einer von ihnen, sondern sie alle Beide befinden sich hier.«
»Wo?«
»Im Gasthofe zum goldenen Ring. Bitte, nehmen Sie Hand-und Fußschellen mit und folgen Sie mir.«
Diesem Gebote wurde sofort Folge geleistet. Er stieg gar nicht wieder in die Droschke. Er ließ Adolf aussteigen und lohnte den Kutscher ab. Sie begaben sich zu Fuß nach dem Gasthofe. Unterwegs erklärte er ihnen: »Im Hofe des Gasthauses wird ein Wagen stehen. Unter dem darin befindlichen Stroh steckt der Sohn. Der Vater ist ausgegangen, wird aber in wenigen Minuten zurückkehren. Es wird gut sein, wenn der Sohn bis dahin bereits gebändigt ist. Die Beiden sind stark.«
»O, wir fürchten uns nicht.«
»Warten Sie es ab!«
Sie schritten hinter ihm her und musterten ihn mit scheuen, ehrfurchtsvollen Blicken.
Der Gasthof lag, wie der Kutscher bemerkt hatte, nicht
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