Die Libelle
»Frag jeden einzeln, Shimon«, befahl er. »Frag, ob er oder sie aussteigen will. Erklärungen werden nicht erwartet, und keiner, der einen Rückzieher macht, braucht zu befürchten, dass ihm das angekreidet wird. Es wird unter allen Beteiligten frei abgestimmt.«
»Ich hab’ sie schon gefragt«, sagte Litvak.
»Dann frag sie noch mal.« Kurtz hob die linke Hand und warf einen Blick auf die Uhr. »Ruf mich in genau einer Stunde an. Nicht früher. Und unternimm nichts, ehe du nicht mit mir gesprochen hast.«
Damit meinte Kurtz: Wenn der Verkehr am dünnsten ist. Wenn ich meine Dispositionen getroffen habe. Litvak ging. Becker blieb. Kurtz’ erster Anruf galt seiner Frau, Elli. Er meldete ein R-Gespräch an, da er es mit den Spesen peinlich genau nahm. »Bleib nur sitzen, Gadi, bitte«, sagte er ruhig, als Becker aufstand, um hinauszugehen; Kurtz brüstete sich damit, ein sehr offenes Leben zu führen. Folglich hörte Becker sich zehn Minuten lang solche drängenden Alltäglichkeiten an, wie Elli mit ihrem Bibel-Arbeitskreis vorankam oder das mit den Einkäufen machte, solange ihr kein Auto zur Verfügung stand. Er brauchte sich nicht groß zu fragen, warum Kurtz ausgerechnet diesen Augenblick gewählt hatte, um über derlei Dinge zu diskutieren. Er hatte früher genau das gleiche getan. Kurtz wollte sich Rückhalt von daheim holen, ehe er losschlug. Er wollte die Stimme Israels live hören. »Elli geht es wirklich gut«, versicherte Kurtz Becker begeistert, nachdem er aufgelegt hatte. »Sie lässt grüßen und bestellen: Gadi, mach, dass du wieder nach Hause kommst. Neulich hat sie Frankie getroffen. Frankie geht’s auch gut. Du fehlst ihr zwar, aber sonst geht es ihr gut.«
Sein zweiter Anruf galt Alexis, und zuerst hätte Becker - hätte er Kurtz nicht besser gekannt - meinen können, dass dieses Telefonat zu einer Reihe von liebenswerten Anrufen bei guten Freunden gehörte. Kurtz hörte sich an, was sein Agent Neues von der Familie zu berichten hatte; erkundigte sich nach dem kommenden Baby - ja, Mutter und Kind erfreuten sich bester Gesundheit. Doch kaum waren diese Präliminarien vorbei, da straffte sich Kurtz und kam ohne Umschweife und hart auf das zu sprechen, worum es ging, denn in den letzten Gesprächen mit Alexis hatte er ein deutliches Nachlassen in der Bereitschaft des Doktors verspürt.
»Paul, es sieht so aus, als ob es jetzt jeden Moment zu jenem Unfall kommen könnte, von dem wir neulich gesprochen haben; weder Sie noch ich können daran noch etwas ändern. Nehmen Sie also Bleistift und Papier zur Hand.« Dann wechselte er die Tonart und gab in flottem Deutsch seine Anweisungen durch: »Die ersten vierundzwanzig Stunden, nachdem Ihnen offiziell Meldung zugegangen ist, beschränken Sie sich in Ihren Untersuchungen strikt auf die einschlägigen Studentenkreise in Frankfurt und München. Sie lassen durchblicken, dass es sich bei den Hauptverdächtigen um die Anhänger einer linken Aktivistengruppe handelt, die bekanntermaßen mit einer Zelle in Paris in Verbindung stehen. Haben Sie das?« Er hielt inne und gab Alexis Zeit, sich das Entsprechende zu notieren.
»Am Tag zwei gehen Sie am frühen Nachmittag auf die Münchener Hauptpost und holen sich dort einen postlagernd an Sie persönlich gerichteten Brief ab«, fuhr Kurtz fort, nachdem ihm das offenbar zu erkennen gegeben worden war. »Aus diesem Brief erfahren Sie die Identität Ihrer ersten Schuldigen, einer Holländerin, und auch bestimmte Hintergrundinformationen darüber, was sie mit früheren Vorfällen zu tun hatte.«
Kurtz’ Befehle gingen im Diktiertempo weiter und wurden mit viel Nachdruck vorgebracht: keinerlei Nachforschungen in der Münchener Innenstadt vor Tag vierzehn; die Ergebnisse sämtlicher gerichtsmedizinischen Untersuchungen sollten zuerst ausschließlich an Alexis gehen und nicht zur Verteilung freigegeben werden, ehe Kurtz sein Einverständnis gegeben habe; das gleiche gelte für öffentliche Vergleiche mit anderen Zwischenfällen. Als er hörte, wie sein Agent ärgerlich wurde, hielt Kurtz den Hörer ein wenig vom Ohr weg, so dass Becker es gleichfalls hören konnte. »Aber, Marty, hören Sie zu - mein Freund - ich muss Sie etwas fragen, wirklich…«
»Fragen Sie.«
»Womit haben wir es hier denn zu tun ? Ein Unfall ist schließlich kein Kaffeekränzchen, Marty. Wir leben in einer zivilisierten Demokratie, verstehen Sie, was ich meine?«
Und wenn - Kurtz enthielt sich jedenfalls jeden Kommentars. »Hören Sie,
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