Die Weite fühlen - Solèr, P: Weite fühlen
gekommen waren, war mir im Kopf geblieben: Trotz unserer so verschiedenen Lebensweisen berührten sich die Horizonte unserer Erfahrungen.
An einem Sonntag im Herbst fuhr ich nach Vrin. Ich hatte mich angemeldet. Pia sass kurz vor Vanescha auf dem SMS -Hügel und winkte mir zu. In der Hütte duftete es nach Capuns, der lokalen Spezialität, die sie mit Dinkelmehlteig, Mangold und Hirschwurst zubereitet hatte. Als wir mit Essen fertig waren und die Hunde zu meinem Erstaunen den Rest der vorzüglichen Mahlzeit bekommen hatten, setzten wir uns vor einen Stall an die Sonne. Nun erst erzählte ich vom Verleger Rainer Weiss, dem auf den NZZ -Artikel hin ein von Pia verfasstes Buch vorschwebte. Wir waren beide aufgeregt, und Pia meinte: »Weisst du, vor ein paar Tagen habe ich meinem Freund gesagt: Ich möchte ein Buch schreiben.«
Kurze Zeit später holte ich sie in Zürich am Bahnhof ab. Im Strom der Menschen fiel sie nicht auf, aber mir schien sie wie von einem anderen Stern. Beim anschliessenden Treffen mit Rainer Weiss fungierte ich als Vermittlerin, deren Welt ziemlich genau zwischen den beiden anderen liegt. Pia hörte dem eloquenten Verleger zu und stellte ein paar Fragen. Als wir uns von ihm verabschiedeten, hatte sie sich bereit erklärt, in den nächsten Wochen eine Reihe von Erlebnissen und Gedanken niederzuschreiben. Sie würde mir den von Hand geschriebenen Text per Post senden, und nachdem ich ihn gelesen hätte, würde ich ihn nach Frankfurt schicken.
Am selben Abend fuhr sie wieder zurück. In den Wochen darauf telefonierten wir regelmässig. Pia erzählte, wie es mit dem Schreiben lief. Ich war gespannt. Später, als ich die rund 100 Seiten erhielt und las, freute ich mich sehr. Und ich muss gestehen, ich war überrascht, wie nah sie mir darin kommt, ohne allzu Privates preiszugeben, wie sehr sie ihren Stoff immer wieder auf den Punkt bringt.
Die Verbundenheit, die ich Pia gegenüber vom ersten Moment an empfunden habe, mag verschiedene Gründe haben. Sagen kann ich das: Ihr begegnet zu sein, ist ein Geschenk.
Daniela Kuhn
Zürich, im September 2011
Kleines Glossar
Aebi – eine Traktormarke
als auch schon – als sonst
ausgesetzt – exponiert
Barryvox – Suchgerät für Lawinenverschüttete
duraschaffa – durcharbeiten
Gitzis – junge Ziegen
Grittibänz – Brotmann mit Augen und Knöpfen aus Rosinen
Guezli – Kekse
hässig – sauer, quengelig
kardiert – gekämmt
Krücken – Hörner
Natel – Mobiltelefon
Ragusa – ein Schokoriegel
Rega – Schweizerische Rettungsflugwacht
Samiklaus – St. Nikolaus
Schmutzli – Begleiter des St. Nikolaus
Strahler – Kristall- und Mineraliensucher
tabliert – getäfert, mit Holz ausgekleidet
Znacht – Abendessen
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