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Dornenkuss - Roman

Dornenkuss - Roman

Titel: Dornenkuss - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: script5
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zu sagen? Eine Information über Colin oder über meinen Vater? Eine letzte Botschaft, die mehr wert war als eine Penizillinspritze? Irgendetwas, was mich belohnen würde?
    Doch es war nur ein einziges Wort, ein Wort, das ich ohne Mühe übersetzen konnte, weil es das erste gewesen war, das ich auf Italienisch gelernt hatte und selbst im übelsten Akzent und in tiefster Krankheit verstand.
    »Danke.«
    Danke wofür? Danke, dass ich ihr das Medikament gegeben hatte? Dass ich bei ihr war? Dass ich sie berührt hatte? Ihr zuhören wollte? Danke, dass wir den Dämon in ihr getötet hatten?
    Oder danke, dass sie sterben durfte? Denn auf einmal wusste ich, dass es nutzlos gewesen war. Dieses Penizillin würde nicht wirken. Sie würde nicht mehr gesund werden. Wir hatten ihr nicht das Leben, sondern Sterblichkeit geschenkt.
    Rückwärts stolperte ich aus dem Raum, die leere Spritze in der Hand, schlug die Tür zu und setzte mich neben Paul auf die Treppe, ausgelaugt und todmüde. Wie ein Arzt, der gerade eine stundenlange, aber erfolglose Operation beendet hatte, streifte ich mir den Mundschutz vom Gesicht.
    »Paul.« Ich rempelte ihn vorsichtig an. »Paul, wach auf, bitte.«
    Es dauerte einige Sekunden, bis seine Augen sich öffneten und sein Blick klar wurde, doch dann begriff er rasch, was geschehen war, und nahm die Spritze umsichtig aus meinen Händen, damit ich mich nicht daran verletzte, denn wieder überkam mich ein mächtiges Frösteln.
    »Du hast sie ihr … ihr gegeben? Du hast ihr die Spritze gegeben?«
    Ich nickte nur, obwohl ich gerne laut geheult und ihn angefleht hätte, mich festzuhalten. Paul musterte mich mit einem müden Kopfschütteln, ungläubig, aber auch anerkennend.
    »Danke«, flüsterte er. »Es war das Richtige.«
    Ja, möglicherweise war es das Richtige gewesen. Es hatte sich richtig angefühlt. Aber wieder war Paul einer Entscheidung beraubt worden. Doch das sickerte erst jetzt in mein Bewusstsein. Oh, es war so schwer, so grausam schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn das Leben so kurz und gefährdet wie das von uns Menschen war. Stundenlang saßen Paul und ich nebeneinander auf den Stufen und warteten schweigend auf das, was unausweichlich erschien, ihren Tod oder meine Krankheit, vielleicht auch beides. Nichts geschah.
    Erst als beim ersten Morgengrauen eine feuchte, salzige Brise durch das geöffnete Küchenfenster wehte, die nächtlichen Grillen ihr Lied verklingen ließen und ich spürte, dass der Scirocco uns aus seinem feurigen Griff entlassen hatte, überkam mich ein erschöpfter, trügerischer Frieden. Für den Moment genügte er. Ich zog mich am Treppengeländer in die Senkrechte, weil ich meinen wackligen Knien nicht recht traute und Paul mit dem Gesicht in seinen Händen eingedöst war, und schlurfte um Jahre gealtert die Stufen hinauf.
    Tillmann und Gianna schliefen noch, mit weggestrampelten Laken und unglücklichen Mündern, und ich wollte es nicht anders. Sie würden mich nicht ansehen und auch nicht berühren wollen, also sollten sie schlafen.
    Ich lag wach, bis die Sonne aufgegangen war und die Fliesen des Balkons in ihrer Wärme nach Stein und Meer zu duften begannen. Ich stellte mir vor, wieder eine Schlange zu sein und mein kaltes Blut von ihren Strahlen aufheizen zu lassen, bis ich mich lebendig fühlte.
    Dann schlief auch ich ein. Vielleicht für immer.

E ROS

E XODUS
    Tessa starb noch am gleichen Morgen. Ich weiß nicht, ob es Zufall oder Schicksal war, dass es geschah, während wir alle schliefen. Paul wurde als Erster wach und versuchte, mit einer Herzmassage ihre Geschichte umzuschreiben, wovon ich wach wurde – hektische, rhythmische Geräusche, dazu eine Stille wie kalter Nebel. Ich wusste um ihren Tod, bevor ich meine Augen geöffnet hatte, ohne mich zu freuen oder es zu bedauern. Wir mussten es hinnehmen; in diesem Punkt war unsere Macht erschöpft. Wir hatten nichts mehr mitzureden und beugten uns dem Stärkeren.
    Gianna und Tillmann taten, als ob sie weiterhin schliefen, auch als ich aufstand und ein zweites Mal ohne Erlaubnis unsere Quarantänehaft brach, um wenigstens die obere Treppenstufe zu betreten und nach unten zu sehen. Aus dem Salon ertönte ein dumpfes, fast verzweifeltes Fluchen, ein Stuhl fiel um, anschließend schallte ein weiterer Fluch durch die Ruhe des Hauses, dieses Mal schon etwas kraftloser.
    Dann, nach einer Atempause für uns beide, öffnete sich die Tür und Paul stützte sich mit dem ausgestreckten Arm an der Wand ab,

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