Dracula - Stoker, B: Dracula
Der Erste Maat war ärgerlich und meinte, das wäre Unsinn, solch dummen Ideen nachzugeben hieße bloß, die Mannschaft zu demoralisieren. Er sagte, er würde ihnen die Angst schon mit einem eisernen Zinken austreiben. Ich schickte ihn ans Ruder, während die Übrigen gründlich zu suchen begannen, sogar mit Laternen. Wir ließen keinen Winkel undurchforscht. Da wir nur die großen Holzkisten geladen haben, gab es nirgends einen Ort, an dem wir einen versteckten Menschen nicht gefunden hätten. Die Leute atmeten spürbar auf, als die Suche vorüber war, und gingen mit neuem Mut an ihre Arbeit. Der Erste Maat grollte, sagte aber nichts.
22. Juli
Raues Wetter die letzten drei Tage, alle Leute fleißig in den Segeln. Keine Zeit, sich der Angst hinzugeben. Die Leute scheinen ihre Furcht vergessen zu haben. Der Maat ist wieder beruhigt und alles in gewohnten Bahnen. Habe die Mannschaft für ihre Arbeit bei rauem Wetter gelobt. Haben Gibraltar passiert und sind durch die Straße hinaus nun auf offener See. Alles in Ordnung.
|125| 24. Juli
Es scheint ein Fluch auf dem Schiff zu liegen. Einen Mann hatten wir ja bereits verloren, dann Einfahrt in den Golf von Biskaya bei furchtbarem Unwetter, und nun heute Nacht wieder ein Mann verloren – er ist einfach verschwunden. Ganz wie der erste hatte auch er seine Wache abgegeben und ward nicht mehr gesehen. Die Leute überreichten mir in panischer Furcht eine Petition, die Wachen zukünftig zu zweit beziehen zu dürfen, da sie sich allein fürchteten. Der Maat war wütend. Ich fürchte, es wird Ärger geben. Entweder wird er Gewalt anwenden, oder die Mannschaft tut’s.
28. Juli
Vier Tage in der Hölle, umhergetrieben in einer Art Mahlstrom, dazu Sturm. Kein Schlaf für uns. Die Leute alle erschöpft. Weiß kaum noch, wie ich Wachen garantieren soll, da keiner bereit ist, eine solche zu beziehen. Der Zweite Maat erbot sich freiwillig zur Wache, damit die Leute ein paar Stunden ruhen können. Der Wind lässt langsam nach, die See ist zwar noch wild, wird aber stiller – das Schiff läuft ruhiger.
29. Juli
Eine neue Tragödie: Ich hatte letzte Nacht wieder Einzelwachen aufgestellt, da die Mannschaft zu müde war. Als die Morgenwache an Deck kam, fand sie nur den Steuermann. Sie stieß einen Schrei aus und alles rannte an Bord. Alles durchsucht, nichts gefunden. Sind nun ohne Zweiten Maat, und die Mannschaft ist in Panik. Der Maat und ich kamen überein, von nun an bewaffnet zu gehen und auf alle Anzeichen zu achten.
30. Juli
Unsere letzte Nacht. Freude, England näher zu kommen. Wetter ausgezeichnet, alle Segel gesetzt. Habe mich völlig erschöpft zurückgezogen und tief geschlafen. Wurde vom Maat mit der |126| Meldung geweckt, dass sowohl die Wache als auch der Steuermann vermisst werden. Nur ich, der Maat und zwei Mann sind noch zum Segeln des Schiffes übrig.
1. August
Zwei Tage Nebel, kein fremdes Segel in Sicht. Hatte gehofft, im Ärmelkanal ein Notsignal abgeben oder irgendwo anlaufen zu können. Habe nicht mehr genug Männer, um die Segel zu reffen, wage auch nicht, sie zu verringern, da ich sie nicht wieder setzen könnte. Muss also vor dem Wind laufen. Wir treiben wohl in unser Verderben. Der Maat ist noch demoralisierter als die anderen. Seine kräftige Natur scheint sich gegen sich selbst gerichtet zu haben. Die beiden Leute sind hingegen über sich hinausgewachsen, sie arbeiten wacker und geduldig, sind dabei aber auf das Schlimmste gefasst. Sie sind Russen, der Maat Rumäne.
2. August, Mitternacht
Hatte erst einige Minuten geschlafen, da weckte mich ein Schrei direkt vor meiner Luke. Ich konnte vor Nebel nichts sehen, rannte also an Deck und stieß dort mit dem Maat zusammen. Er sagte mir, dass er auf den Schrei sofort herbeigelaufen sei, dass er aber keine Spur von dem Wachhabenden gefunden habe. Wieder einer dahin! Gott helfe uns! Der Maat behauptete, wir hätten die Enge von Dover schon passiert; er habe durch eine Lücke im Nebel gerade eben North Foreland erkannt, als der Schrei des Mannes ertönte. Wenn es wirklich so ist, befinden wir uns jetzt auf der Nordsee. Nur Gott kann uns in diesem Nebel, der uns zu verfolgen scheint, leiten. Aber Gott scheint uns verlassen zu haben.
3. August
Um Mitternacht wollte ich den Mann am Steuer ablösen, als ich aber dorthin kam, fand ich niemanden vor. Der Wind war beständig, |127| und da wir mit ihm segelten, ging das Schiff sehr ruhig. Ich durfte das Steuer nicht unbemannt
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