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Dracula - Stoker, B: Dracula

Dracula - Stoker, B: Dracula

Titel: Dracula - Stoker, B: Dracula Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Bram Stoker
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gehört. Während der Zeremonie wollte der Hund nun absolut nicht zu seinem Herrn kommen, der neben uns auf der Bank stand, sondern das Tier hielt sich in einer gewissen Entfernung, heulend und bellend. Sein Herr sprach ihm zuerst gütlich zu, dann ernst, schließlich ärgerlich. Aber der Hund kam nicht heran und hörte auch nicht zu bellen auf. Er befand sich in einem Zustand der Wut, seine Augen glühten wild, und sein Fell sträubte sich wie der Schweif einer Katze auf dem Kriegspfad. Zuletzt wurde auch der Besitzer ärgerlich; er sprang von der Bank herunter, packte den Hund, prügelte ihn, griff ihn am Fell und brachte ihn, halb ziehend, halb stoßend, zu dem Grabstein, auf dem unsere Bank befestigt ist. In dem Augenblick, als das arme Geschöpf diesen berührte, wurde es still und begann heftig zu zittern. Es versuchte |132| gar nicht zu entfliehen, sondern duckte sich nieder, bebend und sich krümmend, und befand sich in einem so erbärmlichen Zustand der Angst, dass ich, wenn auch vergeblich, den Versuch machte, es zu beruhigen. Lucy war gleichfalls voller Mitleid, aber sie konnte sich nicht entschließen, das Tier anzurühren, sondern sah es nur mit verängstigten Blicken an. Ich fürchte, sie ist eine zu empfindsame Natur, um das Leben ohne Leiden zu ertragen. Sie wird heute Nacht von all dem träumen, das weiß ich. Die ganze Reihe der Ereignisse, das Schiff, das von einem toten Mann gesteuert in den Hafen lief; der Leichnam, der mit Kruzifix und Rosenkranz in den Händen an das Steuerrad gefesselt war; die rührende Bestattung; der halb wütende, halb verängstigte Hund – all das wird ihr Material für ihre Träume liefern.
    Es wird, denke ich, das Beste für sie sein, wenn sie physisch ermüdet zu Bett geht. Ich werde also noch einen langen Spaziergang zu den Klippen der Robin Hood’s Bay mit ihr unternehmen. Danach wird sie hoffentlich kaum noch besondere Lust zum Schlafwandeln empfinden.

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    |133| ACHTES KAPITEL
     
    Mina Murrays Tagebuch
     
    Am selben Tag, 11 Uhr abends
    Oh, wie bin ich müde! Wenn ich mir mein Tagebuch nicht zur Pflicht gemacht hätte, würde ich es heute nicht mehr öffnen. Wir haben einen reizenden Spaziergang gemacht. Lucy war nach kurzer Zeit in bester Laune, die wir, glaube ich, einigen munteren Kühen zu verdanken hatten, die auf einem kleinen Feld in der Nähe des Leuchtturmes auf uns zukamen, um uns zu beschnuppern und uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Ich glaube, wir vergaßen durch unsere augenblickliche Furcht alles andere. Dann tranken wir einen vorzüglichen Tee an der Robin Hood’s Bay in einer netten, kleinen, altmodischen Wirtschaft, durch deren Rundbogenfenster man gerade hinunter auf die mit Seetang bedeckten Felsen des Strandes sehen konnte. Ich glaube, wir hätten jede »new woman« 1 mit unserem Appetit schockiert. Männer sind in dieser Beziehung nachsichtiger, Gott segne sie dafür! Dann wanderten wir wieder zurück, wobei wir einige, besser gesagt viele Ruhepausen einlegten; im Herzen trugen wir immer noch Furcht vor wild gewordenen Stieren. Lucy war wirklich müde, und wir beschlossen, so bald wie möglich ins Bett zu kriechen. Dann kam jedoch noch der junge Herr Vikar vorbei, und Mrs. Westenra lud ihn ein, zum Supper unser Gast zu sein. Lucy und ich hatten bereits einen harten Kampf mit dem Sandmann zu bestehen. Ich glaube, ich kämpfte erfolgreicher, denn ich bin eine sehr heroische Natur. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Bischöfe |134| sich eines Tages zusammensetzen und darüber beraten müssen, ob man nicht eine Sorte Vikare züchten sollte, die keine Abendbroteinladungen annimmt, so sehr sie auch dazu gepresst werden mag, und die es merkt, wenn junge Mädchen müde sind. Lucy schläft und atmet ruhig. Sie hat mehr Farbe in den Wangen und sieht so süß aus! Wenn Mr. Holmwood sich schon in sie verliebte, wo er sie nur im Salon sah, so würde ich gern wissen, was er sagte, wenn er sie
so
sähe. Vielleicht werden die Schriftstellerinnen aus dem Kreis der New Women eines Tages die Forderung aufstellen, dass es Mann und Frau erlaubt sein müsse, sich erst gegenseitig beim Schlafen zuzusehen, bevor Heiratsanträge gemacht und akzeptiert werden. Wahrscheinlicher aber ist, dass die New Women sich in Zukunft nicht mehr damit begnügen werden, einen Antrag anzunehmen, vielmehr werden sie selbst werben, und sie werden es bestimmt glänzend tun. Dieser Gedanke gefällt miräußerst gut. Ich bin ganz glücklich heute Abend, weil es der

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