Nick Stone - 01 - Ferngesteuert
geweint, denn sie rieb sich die Augen. Als ich auf das Schloß deutete, öffnete sie mir ihre Tür.
Ich lächelte strahlend. »Hi! Na, wie geht’s?«
Kellys Antwort bestand aus einem unverständlichen Murmeln. Während ich die Tragetüten auf den Beifahrersitz legte, sagte ich: »Hier, ich hab’ dir was mitgebracht.« Ich hielt ihr einen Schokoriegel hin. Sie lächelte zögernd, griff danach und riß die Verpackung auf.
Ich warf einen Blick auf die Borduhr. Schon fast fünf. Wir fuhren in Richtung Beltway und dann nach Westen weiter.
Ich sah den Wegweiser zum Dulles International Airport und ordnete mich rechts ein, um die nächste Ausfahrt zu nehmen. Wir mußten den Chevy bald abstellen; vielleicht war sein Besitzer ein Frühaufsteher.
Kelly lag auf dem Rücksitz und starrte den Wagenhimmel an. Sie schien sich in einer Traumwelt zu befinden. Oder sie war durch alles, was sie gesehen hatte, mental und emotional geschädigt. Im Augenblick hatte ich jedoch keine Zeit, mich um sie zu kümmern.
Wir waren ungefähr acht Meilen vom Flughafen entfernt, und ich fing an, nach einem Motel Ausschau zu halten. Dann kamen wir an einem Economy Inn vorbei. Geradezu ideal - aber erst mußten wir etwas für unser Äußeres tun.
Als wir zum Flughafen weiterfuhren, sah ich die Scheinwerfer einer Maschine, die vermutlich als erstes Flugzeug dieses Tages landete. Ich folgte Wegweisern zu den Billigparkplätzen unter freiem Himmel und hielt kurz vor der Einfahrt, um Ausschau nach Überwachungskameras zu halten. Aber ich sah keine; offenbar wurden nur die Ausfahrten überwacht. Ich zog einen Parkschein aus dem Automaten und stellte den geklauten Wagen zwischen Tausenden von anderen Autos ab.
»Kelly, wir ziehen dir jetzt ein paar neue Sachen an«, erklärte ich ihr.
Ich zeigte ihr, was ich für sie gekauft hatte. Während sie sich umzog, riß ich die Box mit Kosmetiktüchern auf und tupfte ihr das Gesicht ab. »Komm, jetzt ist Schluß mit der Heulerei. Ah, da haben wir eine Haarbürste.« Ich bürstete ihr die Haare, aber ich arbeitete zu schnell und tat ihr weh. »Okay, mal sehen, wie dir dieses Sweatshirt steht. Fertig! Hey, du siehst echt gut aus. Hier hast du ein Taschentuch - putz dir die Nase.«
Während sie damit beschäftigt war, zog ich mich ebenfalls um und warf unsere abgelegten Sachen in den
Fußraum vor dem Beifahrersitz. Kelly sah noch immer blaß und elend aus, als uns der Shuttle-Bus zum Terminal brachte.
27
Wir gingen durch das Abfertigungsgebäude. Im Terminal herrschte weit mehr Betrieb, als ich so früh am Morgen vermutet hätte. Überall standen Leute vor den Abfertigungsschaltern an, stöberten in Souvenirläden herum oder saßen Zeitung lesend in den Cafés.
Ich redete nicht viel mit Kelly, sondern hielt nur ihre Hand, während ich meine Reisetasche über der linken Schulter trug. Wir wollten ins Ankunftsgebäude, vor dem sich ein Taxistand befinden würde. Hinweisschilder dirigierten uns zu einer Rolltreppe. Wir waren schon fast unten, als Kelly sagte: »Nick, ich muß mal.«
»Bestimmt?« Ich wollte möglichst schnell von hier weg.
»Doch, ich muß echt!«
»Okay.« Das vorige Mal war mir eine Lehre gewesen.
Wir folgten den Hinweisschildern zu den Toiletten und fanden sie links vor den großen Ausgängen für Ankünfte/Ausland. Man betrat sie durch einen von zwei Durchgängen, kam erst an sechs oder sieben Behindertentoiletten vorbei und hatte dann die eigentlichen Toilettentüren vor sich. Ich blieb draußen in der Ankunfthalle stehen und beobachtete die vielen Abholer, die darauf warteten, daß die Automatiktüren
sich öffneten und ihre Lieben ausspuckten.
Man spürt immer, wenn man angestarrt wird. Ich hatte noch keine zwei Minuten dagestanden, als ich fühlte, daß ich prüfend gemustert wurde. Ich blickte auf. Angestarrt wurde ich von einer alten Frau, die mir jenseits der einen Gang bildenden Absperrgitter gegenüberstand und offenbar auf jemanden wartete. Neben ihr stand ein weißhaariger Mann, aber ihr Blick blieb auf mein Gesicht gerichtet.
Sie sah weg und kehrte dem Ausgang den Rücken zu, obwohl eben wieder ganze Horden von Angekommenen mit ihren Gepäckkarren herausströmten. Alle paar Sekunden waren laute Jubelschreie zu hören, wenn lange getrennte Menschen sich in die Arme sanken. Zwischendurch flammte Blitzlicht auf.
Was hatte sie angestarrt? Meine Gesichtsverletzungen? Ich konnte nur hoffen, daß das der einzige Grund für ihre Neugier gewesen war. Ändern konnte ich nichts
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