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Sämtliche Dramen

Sämtliche Dramen

Titel: Sämtliche Dramen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: William Shakespeare
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weißt.
    Sie gehn ab.
    ¶

Dritte Szene
    Das französische Lager bei Dover.
    Es treten auf Kent und ein Ritter.
    Kent
. Warum der König von Frankreich so plötzlich zurückgegangen ist: wißt Ihr die Ursach’?
    Edelmann
.
    Es war ein Staatsgeschäft noch nicht vollendet,
    Das nach der Landung er bedacht; es drohte
    Dem Königreich so viel Gefahr und Schrecken,
    Daß eigne Gegenwart höchst dringend schien
    Und unvermeidlich.
    Kent
.
    Wenn ließ er hier zurück als seinen Feldherrn?
    Edelmann
.
    Den Marschall Frankreichs, Monseigneur le Fèr.
    Kent
. Reizten Eure Briefe die Königin nicht zu Äußerungen des Schmerzes?
    Edelmann
.
    Jawohl, sie nahm sie, las in meinem Beisein,
    Und dann und wann rollt’ eine volle Träne
    Die zarte Wang’ herab; es schien, daß sie
    Als Kön’gin ihren Schmerz regierte, der
    Rebellisch wollt’ ihr König sein.
    Kent
.
    Oh, dann
    Ward sie bewegt.
    Edelmann
.
    Doch nicht zum Zorn. Geduld und Kummer stritten,
    Wer ihr den stärksten Ausdruck lieh. Ihr saht
    Regen zugleich und Sonnenschein: ihr Lächeln
    Und ihre Tränen war wie Frühlingstag.
    Dies sel’ge Lächeln, das die frischen Lippen
    Umspielte, schien, als wiss’ es um die Gäste
    Der Augen nicht, die so von diesen schieden,
    Wie Perlen von Demanten tropfen. Kurz,
    Der Gram würd’ als ein Schatz gesucht, wenn jeden
    Er also schmückte.
    Kent
.
    Hat sie nichts gesprochen?
    Edelmann
.
    Ja, mehrmals seufzte sie den Namen »Vater«
    Stöhnend hervor, als preßt’ er ihr das Herz:
    Rief: »Schwestern! Schwestern! Schmach der Frauen! Schwestern!
    Kent! Vater! Schwestern! Was, in Sturm und Nacht?
    Glaubt an kein Mitleid mehr!« Dann strömten ihr
    Die heil’gen Tränen aus den Himmelsaugen,
    Und netzten ihren Laut; sie stürzte fort,
    Allein mit ihrem Gram zu sein.
    Kent
.
    Die Sterne,
    Die Sterne bilden unsre Sinnesart,
    Sonst zeugte nicht so ganz verschiedne Kinder
    Ein und dasselbe Paar. – Spracht Ihr sie noch?
    Edelmann
.
    Nein.
    Kent
.
    War’s vor des Königs Reise?
    Edelmann
.
    Nein, hernach.
    Kent
.
    Gut, Herr!
    Der arme kranke Lear ist in der Stadt;
    Manchmal in beßrer Stimmung wird’s ihm klar,
    Warum wir hier sind, und auf keine Weise
    Will er die Tochter sehn.
    Edelmann
.
    Weshalb nicht, Herr? –
    Kent
.
    Ihn überwältigt so die Scham – sein harter Sinn,
    Der seinen Segen ihr entzog, sie preis gab
    Dem fremden Zufall, und ihr teures Erbrecht
    Den hünd’schen Töchtern lieh, – das alles sticht
    So giftig ihm das Herz, daß glüh’nde Scham
    Ihn von Cordelien fern hält.
    Edelmann
.
    Armer Herr!
    Kent
.
    Wißt Ihr von Cornwalls und Albaniens Macht?
    Edelmann
.
    ’s ist wie gesagt: sie stehn im Feld.
    Kent
.
    Ich bring’ Euch jetzt zu unserm König Lear,
    Und lass’ ihn Eurer Pflege. Wicht’ge Gründe
    Gebieten, mich verborgen noch zu halten;
    Geb’ ich mich kund, so wird’s Euch nicht gereuen,
    Daß Ihr mich jetzt gekannt. Ich bitt’ Euch, kommt,
    Begleitet mich!
    Sie gehn ab.
    ¶

Vierte Szene
    Freies Feld. Trommeln und Fahnen.
    Cordelia, ein Arzt, Gefolge, Edelleute und Soldaten treten auf.
    Cordelia
.
    O Gott, er ist’s; man traf ihn eben noch
    In Wut, wie das empörte Meer; laut singend,
    Bekränzt mit wildem Erdrauch, Windenranken,
    Mit Kletten, Schierling, Nesseln, Kuckucksblumen
    Und allem müß’gen Unkraut, welches wächst
    Im nährenden Weizen. Hundert schickt und mehr;
    Durchforscht jedwedes hochbewachsne Feld
    Und bringt ihn zu uns! – Was vermag die Kunst,
    Ihm herzustellen die beraubten Sinne?
    Er, der ihn heilt, nehm’ alle meine Schätze!
    Arzt
.
    Es gibt noch Mittel, Fürstin!
    Die beste Wärt’rin der Natur ist Ruhe,
    Die ihm gebricht; und diese ihm zu schenken,
    Vermag manch wirksam Heilkraut, dessen Kraft
    Des Wahnsinns Augen schließen wird.
    Cordelia
.
    All ihr gesegneten, geheimen Wunder,
    All ihr verborgnen Kräfte der Natur,
    Sprießt auf durch meine Tränen! Lindert, heilt
    Des guten Greises Weh! Sucht, sucht nach ihm,
    Eh’ seine blinde Wut das Leben löst,
    Das sich nicht führen kann.
    Ein Bote tritt auf.
    Bote
.
    Vernehmt, Mylady,
    Die brit’sche Macht ist auf dem Zug hieher.
    Cordelia
.
    Man wußt’ es schon; und wir sind vorbereitet,
    Sie zu empfangen. Oh, mein teurer Vater,
    Für deine Wohlfahrt hab’ ich mich gerüstet;
    Drum hat der große Frankreich
    Mein Trauern, meiner Tränen Flehn erhört.
    Nicht luft’ger Ehrgeiz treibt uns zum Gefecht,
    Nur brünst’ge Lieb’ und unsers Vaters Recht;
    Möcht’ ich doch bald ihn sehn und ihn vernehmen!
    Sie

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