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Sagen des klassischen Altertums

Sagen des klassischen Altertums

Titel: Sagen des klassischen Altertums Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gustav Schwab
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knüpfte daran mit aller Wahrscheinlichkeit die Lüge, die Odysseus ihn gelehrt. Philoktet hörte unter lauten Bezeugungen der Teilnahme und Überraschung zu; dann faßte er den Sohn des Achill bei der Hand, weinte bitterlich und sprach: »Nun, liebes Kind, beschwöre ich dich bei Vater und Mutter, laß mich nicht in meinen Qualen zurück. Ich weiß wohl, daß ich eine lästige Ladung bin! Dennoch entschließe dich, nimm mich mit, wirf mich, wohin du wills, ans Steuerruder, an den Schnabel des Schiffes, in den untersten Raum, wo ich deine Schiffsgenossenschaft am wenigsten quäle! Laß mich nur nicht in dieser schrecklichen Einsamkeit; führe mich als Retter nach deiner Heimat: von der bis zum Öta und dem Lande, wo mein Vater wohnte, ist die Fahrt nicht mehr weit. Zwar habe ich oft schon Gelandeten manche herzliche Bitten an ihn mitgegeben, aber niemand brachte mir Kunde von ihm, und er ist wohl schon lange tot; nun, ich wäre froh, wenn ich nur an seinem Grabe ruhen dürfte.«
    Neoptolemos gab dem kranken Manne, der sich zu seinen Füßen warf, mit schwerem Herzen die unredliche Zusage und rief: »Sobald du willst, laß uns zu Schiffe gehen; möge nur ein Gott uns schnelle Fahrt aus diesem Lande verleihen, nach dem Ziele, das uns angewiesen ist!« Philoktet sprang auf, so schnell, als das Übel seines Fußes es ihm zuließ, und ergriff mit einem Freudenrufe den Jüngling bei der Hand. In diesem Augenblick erschien der Späher der Helden, als ein griechischer Schiffsherr verkleidet, mit einem andern Schiffer von ihrem Gefolge. Er erzählte, an Neoptolemos gewendet, die erheuchelte Kunde, daß Diomedes 237
    Gustav Schwab – Sagen des klassischen Altertums
    und Odysseus auf der Fahrt nach einem gewissen Philoktet begriffen seien, den sie, einer Weissagung des Sehers Kalchas zufolge, fangen und vor Troja bringen müßten, wenn die Stadt erobert werden sollte. Diese Schreckensnachricht warf den Sohn des Pöas ganz dem Neoptolemos in die Arme. Er raffte die heiligen Geschosse des Herakles zusammen, übergab sie dem jungen Helden, der sich zum Träger erbot, und schritt mit ihm unter das Tor der Höhle. Da vermochte sich Neoptolemos nicht länger zu halten, die Wahrheit siegte in dem reinen Herzen des jungen Helden über die Lüge, und ehe sie am Ufer angekommen waren, sprach er: »Philoktet, ich kann es dir nicht länger verbergen: du mußt mit mir nach Troja zu den Atriden und Griechen schiffen!« Philoktet bebte zurück, flehte, fluchte. Ehe aber das Mitleid ganz die Oberhand über die Seele des Jünglings gewann, sprang Odysseus aus dem Gebüsche, das ihn verborgen hielt, hervor und befahl den Dienern, den unglücklichen alten Helden, der doch schon ihr Gefangener sei, zu fesseln. Philoktet hatte ihn auf den ersten Laut erkannt. »O wehe mir«, rief er, »ich bin verkauft, ermordet! Dieser ist's, der mich ausgesetzt hat, der mich jetzt dahinschleppt, durch dessen Trug mir meine Pfeile gestohlen sind! – Gutes Kind« sprach er dann schmeichelnd zu Neoptolemos, »gib du mir Bogen und Pfeile wieder!« Aber Odysseus fiel ihm in die Rede: »Nie geschieht solches«, rief er, »und wollte es der Jüngling auch; sondern du mußt mit uns gehen, du mußt; es gilt der Griechen Heil und Trojas Untergang!« Damit überließ ihn Odysseus den ihn fesselnden Dienern und zog den verstummten Neoptolemos mit sich fort. Philoktet blieb mit den Dienern im Eingang der Höhle stehen, klagte über den schamlosen Betrug und schien umsonst die Rache der Götter anzurufen, als er plötzlich die beiden Helden im Wortwechsel miteinander zurückkehren sah und aus der Ferne hörbar die Worte des jüngeren vernahm, welcher zürnend ausrief. »Nein, ich habe gefehlt; ich habe durch schnöde List einen edlen Mann verstrickt! Ich will sie ungeschehen machen, die schändliche Tat, und eh du mich getötet hast, führest du diesen Mann nicht gen Troja!« Beide zogen die Schwerter, Philoktet aber warf sich dem Sohne Achills zu Füßen: »Versprich mir, mich zu retten, wie du willst: so sollen die Pfeile meines Freundes Herakles jeden Einfall von deinem Lande abwehren!« »Folge mir«, sprach Neoptolemos und hub den alten Helden vom Boden auf, »wir schiffen noch heute nach Phthia, in mein Heimatland.«
    Da verfinsterte sich die blaue Luft über den Häuptern der rechtenden Helden; ihre Blicke kehrten sich nach oben, und Philoktet war der erste, der seinen Freund, den vergötterten Herakles, in einer dunklen Wolke schwebend, erblickte.
    »Nicht weiter!«

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