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Sagen des klassischen Altertums

Sagen des klassischen Altertums

Titel: Sagen des klassischen Altertums Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gustav Schwab
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eilte wie eine Möwe durch die Wogen und kam, wie in der Götterversammlung beschlossen worden war, auf Ogygia, der Insel Kalypsos, an. Auch fand er die schöngelockte Nymphe wirklich zu Hause. Auf dem Herd brannte eine lodernde Flamme, und der Dunst des gespaltenen, brennenden Zedernholzes wallte würzig über das Eiland hin. Kalypso aber sang mit klangreicher Stimme in der Kammer und wirkte dazu mit goldener Spule ein herrliches Gewebe. Die Grotte, in welcher ihre Gemächer waren, beschattete ein grünender Hain mit Erlen, Pappeln und Zypressen, in welchen bunte Vögel nisteten, Habichte, Eulen und Krähen. Auch ein Weinstock breitete sich über das Felsengewölbe aus, voll reifender Trauben, die aus dichtem Laube hervorblickten. Vier Quellen entsprangen in der Nähe und schlängelten sich nachbarlich dahin und dorthin; von ihnen bewässert, grünten schwellende Wiesen, mit Veilchen, Eppich und andern Kräutern und Blumen durchsäet.
    Der Götterbote bewunderte die herrliche Lage der Nymphenwohnung; dann wandelte er in die geräumige Kluft. Kalypso erblickte den Nahenden und erkannte ihn auch alsbald; denn so ferne sie auch voneinander wohnen mögen, so sind sich doch die ewigen Götter von Gestalt nicht unbekannt. Den Odysseus fand jedoch Hermes nicht zu Hause. Er saß, wie er gewohnt war, jammernd am Gestade und schaute mit Tränen in den Augen auf das öde Meer sehnsüchtig hinaus.
    Als Kalypso die Botschaft des Gottes vernahm, den sie voll Herzlichkeit empfangen hatte, stutzte sie und sprach endlich: »O ihr grausamen, eifersüchtigen Götter! Duldet ihr's denn gar nicht, daß eine Unsterbliche sich einen Sterblichen zum lieben Gemahl erkiese? Verarget ihr mir den Umgang mit dem Manne, den ich vom Tode gerettet habe, als er, an den geborstenen Kiel seines Schiffes sich schmiegend, an meine Küste geschleudert ward? Alle seine tapfern Freunde waren in den Abgrund versunken; sein Schiff hatte der Blitz getroffen; einsam schwamm er auf den Trümmern einher. Ich empfing den armen Schiffbrüchigen freundlich, stärkte ihn mit Nahrung, ja ich verhieß ihm zuletzt, ihm Unsterblichkeit und ewige Jugend zu verleihen. Aber weil gegen Zeus' Rat keine Ausflucht etwas vermag – so mag er denn wieder hinausfahren auf das unendliche Meer. Nur mutet mir nicht zu, daß ich ihn selbst fortschicke; fehlt es doch meinen Schiffen an Bemannung und an Rudergeräten! Doch soll es ihm an meinem guten Rate nicht fehlen, daß er ganz unversehrt das Ufer seines Heimatlandes erreiche.«
    Hermes war mit dieser Antwort wohl zufrieden und enteilte wieder zum Olymp. Kalypso ging selbst an den Meeresstrand, wo der trauernde Odysseus saß, trat nahe zu ihm hinan und sprach: »Armer Freund, dein Leben darf dir nicht fürder in Schwermut dahinschwinden. Ich entlasse dich. Auf, mächtige Balken gehauen, mit Erz zum Floß gefügt und mit hohen Brettern umsäumt! Allerlei Labsal, Wasser, Wein und Speise lege ich dir selbst hinein, versehe dich mit Gewanden und sende günstigen Wind vom Lande; mögen dich die Götter glücklich in die Heimat geleiten!«
    Mißtrauisch blickte Odysseus die Göttin an und sprach: »Gewiß, du sinnest auf etwas ganz anderes, schöne Nymphe! Nimmermehr besteige ich ein Floß, wenn du mir nicht den großen Göttereid schwörest, daß du mir nicht irgendein Übel zum Schaden ausgedacht hast!« Aber Kalypso lächelte, und sanft mit der Hand ihn streichelnd, antwortete sie: »Ängstige dich nicht mit solchen eiteln Gedanken! Die Erde, der Himmel und der Styx seien meine Zeugen, daß ich nichts Böses mit dir vorhabe. Ich rate dir das, was ich mir selbst in der Not ausdenken würde.« Mit diesen Worten ging sie voran, Odysseus folgte, und in der Grotte nahm sie noch den zärtlichsten Abschied von ihm.
    Bald war das Floß gezimmert, und am fünften Tage schwoll das Segel des Odysseus im Winde. Er selbst saß am Ruder und steuerte kunsterfahren durch die Flut. Kein Schlaf kam ihm über die Augen, beständig 281
    Gustav Schwab – Sagen des klassischen Altertums
    blickte er nach den Himmelsgestirnen und richtete sich nach den Zeichen, die ihm Kalypso beim Scheiden angegeben hatte. So fuhr er siebzehn Tage durch das Meer. Am achtzehnten erschienen ihm endlich die dunklen Gebirge des phäakischen Landes, das sich ihm entgegenstreckte und trübe dalag wie ein Schild im dunkeln Meere. Jetzt aber ward ihn Poseidon gewahr, der eben von den Äthiopen heimkehrte und über die Berge der Solymer hinschritt. Er hatte der letzten

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