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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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Herrschaft geworden, und lebte denn auch seinerseits im Vollbewußtsein dieser seiner Machtstellung auf dem Fuße der haute finance. Zweimal wöchentlich führten ihn Geschäfte, wirkliche oder vorgebliche, nach Berlin, und im elegantest aufgeschirrten Jagdwagen oder noch lieber in einer in Löwenberg genommenen Extrapost fuhr er um 11 Uhr vormittags bei Lutter und Wegner vor, um ein Gabelfrühstück zu nehmen. Aber der Nachmittag kam und ging und am Abend hielten und warteten die Pferde noch, und erst wenn die Theater aus und das Neueste, das die »Habitués« aus dem Schauspielhause mit herüberbrachten, unter den Kommentaren der Witzköpfe mit durchgeredet war, ging es um mitternächtige Stunde wieder bis in seine Försterei zurück.
    Die war nun selber keine »Försterei« mehr, sondern präsentierte sich als ein villenartiges Landhaus, auf dessen Vorplatz allerlei seltene Pflanzen im Freien oder in großen Kübeln standen: Aloë, Hortensien und Georginen, die gerade damals in Mode gekommen waren.
    Alles das unter Zustimmung seiner Herrin, die klug und recht tat, ihn gewähren zu lassen. Denn er hatte neben dem raschen Blick auch die glücklich rücksichtslose Hand des Lebemannes und half, eben weil er der war, der er war, ohne Skrupel und Schwerfälligkeiten über den Tag hinweg. Und »après nous le déluge«.
    Und wirklich, als die Sintflut kam, war es »après«, und die lebenslustige Dame, die nicht sparen und marchandieren und aller wachsenden Lebensnot unerachtet auch nicht entbehren oder gar entsagen gelernt hatte, war nicht mehr unter den Lebenden. Am 13. September 1819 starb sie während ihres Aufenthaltes in Berlin und wurde, wie es einer »Krautentochter« zukam, im Krautenerbbegräbnis zu Sankt Nikolai beigesetzt. Mutmaßlich als die letzte, die diesen Namen geführt. Sie war ihres Alters 57 Jahre und hinterließ eine beträchtliche Last persönlicher Schulden, weil eben diese Schulden auf ihre Güter, die Fideikommißgüter waren, nicht eingetragen werden konnten.
    Es hatte sich ein reiches und bewegtes Leben geschlossen. Ob auch ein glückliches? Alles in allem, ja. Sie verstand die Kunst, den Augenblick zu genießen, und sich das, was die Stunde bot, durch Zukunftsbetrachtungen oder gar durch Zukunftsbefürchtungen nicht allzusehr trüben zu lassen. Sie war sanguinisch und erfreute sich der Vorzüge dieses Temperaments.
    Es liegen mir hinsichtlich ihres Charakters allerhand Aussprüche vor. Am ungünstigsten lautet das, was Thiébault in seinen »Souvenirs« über sie sagt. Aber Thiébault war nicht von der Partei der »Krautentochter«. Überdies, als diese sich – und zwar weit über das Ansehen ihrer Mutter, der Madame de Verelst, hinaus, – im Jahre 1790, in Rheinsberg etablierte, war Thiébault längst aus Preußen nach Frankreich zurückgekehrt. Er spricht anerkennend nur von ihrer Schönheit (»elle était sans contredire la plus belle personne de ce payslà«), versichert aber an selber Stelle, »daß sie leichtfertig, kapriziös und eigentlich beschränkt gewesen sei.« Dies trifft nun sicherlich nicht zu, und der Sohn Thiébaults, General in der französischen Armee, hielt es, bei Publizierung einer späteren Auflage der »Souvenirs« seines Vaters für angemessen, in einer Anmerkung einen im Jahre 1813 geschriebenen Brief abzudrucken, der ihm behufs Richtigstellung dieser Dinge zugegangen war. »Die frühere Frau von Elliot«, so heißt es in dieser kritikübenden Zuschrift, »ist weit entfernt davon, eine beschränkte Dame zu sein, so weit, daß vielmehr umgekehrt ihre zahlreichen Erfolge mehr noch ihrem Esprit als ihrer Schönheit zuzuschreiben sind. Und bis zu dieser Stunde noch erfreut sie sich des Vorzuges, in ihrem Auftreten ebenso gefällig zu sein, wie tatsächlich zu gefallen.«
    Hiermit stimmt auch das Bild überein, das in dem zweiten Zirkel ihrer Verwandtschaft von ihr fortlebt. In einer mir zugehenden Zuschrift heißt es: »Sie war der Typus einer Grande Dame des vorigen Jahrhunderts, und hatte viel Verwandtes mit der entzückenden Gräfin La Roche Aymon (geborenen von Zeuner), die mit ihr gleichzeitig am Rheinsberger Hofe glänzte. Doch war sie dieser letzteren – an der, außer ihrer Schönheit, nur eine gewisse Naivität des Nichtwissens hervorleuchtete – durch Esprit und ein natürliches Verständnis für Dinge der Kunst und Literatur überlegen.«
    Über all das, was ihr fehlte, geben die mehr zu Beginn dieses Aufsatzes mitgeteilten Briefe, die Baron Knyphausen an

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