BAD BLOOD - Gesamtausgabe: Die Saga vom Ende der Zeiten (über 3000 Buchseiten!) (German Edition)
wieder abflauen, in die Berge gefahren. Das Klima dort ist wesentlich gemäßigter.«
»Sie alle Chaims fortgegangen?«
»Natürlich. David und Rahel wären noch viel zu klein, um alleine hierzubleiben.«
Offenbar war die Einkehr zweier Fremder ins Haus der Chaims keiner Seele aufgefallen, und genauso offenbar wunderte sich niemand, dass man die Chaims nicht mit Koffern hatte fortgehen sehen.
»Das ist dumm«, hatte Rona erwidert.
»Warum? Wolltest du sie besuchen? Kennst du sie persönlich?«
»Mein Vater kannte einen Gershom Chaim, er kannte ihn sehr gut aus seiner eigenen Jugend, und auf seinem Sterbebett bat er mich, diesen alten Freund noch einmal zu besuchen und ihm letzte Grüße auszurichten...«
Ronas Antwort entsprang purer Eingebung und konnte leicht schiefgehen. Sie wusste nicht das Geringste über Gershom Chaims Vergangenheit. Vielleicht war er ein Fremdenhasser gewesen, der Ausländer prinzipiell verabscheute. Solche Intoleranz gab es, und dass Rona nicht hier aufgewachsen war, konnte sie beim besten Willen nicht verhehlen.
»Tut mir leid, das mit deinem Vater.«
Der Mann war nett gewesen. Vielleicht netter, als es seiner Gesundheit zuträglich war...
»Es war für ihn eine Erlösung. Er hat eine lange Leidenszeit durchmachen müssen.«
»Wenn du willst, besorge ich dir die genaue Adresse, unter der sie in Ramallah abgestiegen sind.«
»Danke. Es eilt nicht. Ich habe alle Zeit der Welt. Ich werde warten und mich hier in der Nähe einquartieren, bis sie zurück sind. Das gibt mir Gelegenheit, die Stadt, von der mein Vater so oft schwärmte, selbst näher kennenzulernen.«
Die Augen des Mannes hatten aufgeleuchtet. »Ich heiße Caleb. Freunde von Gershom sind auch meine Freunde. Wenn du willst, besorge ich dir ein Zimmer und zeige dir die Sehenswürdigkeiten der Stadt...« Den Blick senkend, hatte er hinzugefügt: »Aber ich will mich nicht aufdrängen.«
Nur der Form halber hatte sich Rona ein wenig geziert, dann aber eingewilligt.
Seither wohnte sie mit einem gichtkrummen alten Mann unter dem Dach eines Hauses, das schräg gegenüber dem Chaim-Laden und in nächster Nähe einer Moschee lag, von deren Minarett jeden Morgen – auch heute wieder – die Stimme des Muezzins erschallte, der die Gläubigen zum Gebet zusammenrief.
Rona hatte die Miete für eine Woche im Voraus auf den Tisch geblättert. In amerikanischen Dollars, die mindestens ebenso gern akzeptiert wurden wie israelische Schekel.
Bis zum nächsten Vollmond würden noch etliche Tage verstreichen. Und an eine wirklich permanente Überwachung des Chaim-Hauses war einfach nicht zu denken. Rona schloss nicht aus, dass Sardons Mörder sich schon längst nicht mehr darin aufhielten, sondern unbemerkt weitergezogen waren. Sämtliche Türen und Fenster, auch die rückwärtigen, waren unmöglich ständig im Auge zu behalten. An ausreichender Gelegenheit, ihren Unterschlupf zu verlassen, hätte es Heaven und Anum gerade bei Nacht nicht gemangelt. Zumal sie des Fliegens mächtig waren.
Rona überlegte, wie sie – ohne sich selbst in Gefahr zu bringen oder zu erkennen zu geben – mehr über die aktuelle Situation im Chaim-Haus herausfinden konnte.
Caleb hatte in den vergangenen vier Tagen viermal bei ihr angeklopft und sein Angebot, ihr die Altstadt zu zeigen, erneuert. Jedes Mal hatte sie unter Vorwänden abgelehnt und damit gerechnet, Caleb vor den Kopf gestoßen zu haben. Doch er schien unzermürbbar und nahm die Absagen trotz teilweise leichter Durchschaubarkeit kein einziges Mal persönlich.
Als sich in die Rufe des Muezzins auch zu dieser frühen Stunde ein Klopfen gegen die Tür von Ronas Zimmer mischte, wusste sie gleich, wer da Einlass begehrte.
Doch sie irrte. Nicht Caleb, sondern der krumme, spindeldürre Vermieter stand draußen auf dem dämmrigen Flur, in dem ein Hausaltar aufgebaut war, um den Rona jedes Mal einen großen Bogen machte. Nicht weil das Symbol an sich sie gestört hätte, sondern weil der Gestank der ihn zierenden »Altertümer« und modernder Pflanzen kaum zu ertragen war.
»Beim Schaitan, darf ich endlich erfahren, wie lange Ihr meine Gastfreundschaft noch strapazieren wollt?«, fauchte Jeb Holski ohne Gruß. »Ist es vielleicht auszuschweißendem verlangt, mit einem alten Mann darüber zu reden?«
Verdutzt starrte Rona ihn an.
Sie sah Holski nur selten. Gesprochen hatte sie ihn ebenso selten. Als Caleb sie zu ihm geführt hatte, war er ihr wie ein knorriger Einsiedler vorgekommen. Es war schon
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