BAD BLOOD - Gesamtausgabe: Die Saga vom Ende der Zeiten (über 3000 Buchseiten!) (German Edition)
gemerkt? Meinst du, es macht mir Freude, meinen Onkel mit in so eine Geschichte zu ziehen?«
»So eine Geschichte?«, In Ronas Hirn schlossen sich Verknüpfungen, die ein Urteil fällten. Das Urteil über Caleb. »Was willst du damit sagen?«
»Dein Hiersein mag mit den Chaims zu tun haben – aber ich bezweifele, dass deine Erklärung, warum du sie suchst, der Wahrheit entspricht! Ich beobachte dich täglich, wie du hinter dem Fenster stehst und den Laden beobachtest. Wie du es tust, wie du auf irgendetwas dort
wartest
, ist nicht normal!«
Rona wich einen Schritt vor Caleb zurück.
»Du hast recht«, sagte sie rau.
Er nickte fast ein wenig entsetzt,
dass
sie seine Vorwürfe bestätigte und nicht abstritt. Dann forderte sein Blick sie auf, endlich den wahren Grund ihres Hierseins aufzudecken.
Rona entfernte sich noch zwei weitere Schritte von Caleb, beugte sich über das Bett und zog den durchgeladenen Karabiner unter dem Kopfkissen hervor.
Der junge, unorthodoxe Jude war gerade dabei gewesen, seinerseits auf Rona zuzugehen, als er abrupt wieder stehenblieb. Ein Gemisch aus Wut, Ohnmacht und Enttäuschung entstieg seiner Kehle. Abwehrend hob er die Hand. »Dreh jetzt nicht völlig durch...«
Rona lächelte kalt. Ruhig umfasste sie Kolben und Lauf des Gewehrs. Der Zeigefinger ihrer Rechten lag am Abzugshahn. Caleb starrte genau in die Mündung.
»Ich drehe nicht durch, keine Angst.« Die Beherrschtheit ihrer Stimme, nachdem sie sich entschieden hatte, das Spiel zu beenden, machte Caleb eindringlicher als die Worte selbst klar, dass er sie nicht unterschätzen durfte.
Sie
würde
schießen, wenn er sie dazu zwang.
»Wer bist du? Und wo... ist mein Onkel wirklich?«
Rona nickte in die Richtung, in die Jeb Holski Stunden zuvor gegangen war. »Im Haus der Chaims.«
»Im Haus der Chaims?«, Caleb glaubte ihr nicht.
»Ja. Jemand machte ihm die Tür auf, und seitdem ist er drüben. Wahrscheinlich haben sie ihm den Hals umgedreht.«
Die Wut in Calebs Augen wich einer ganz außergewöhnlichen Form von Mitleid. Rona ahnte seine Gedanken.
»Ich bin nicht verrückt. Ich weiß einfach mehr als du. Mehr, als du dir erträumen könntest...«
»Leg die Waffe weg. Wir können über alles reden. Wo
ist
Onkel Jeb?«
Rona schüttelte den Kopf. Sinnlos, ihm die Sache erklären zu wollen. Und warum auch? Er würde sterben. Sie konnte ihn nicht am Leben lassen.
»Komm her!«, winkte sie ihn zu sich.
Sie stand immer noch neben dem Bett, dessen Kopfseite an die Wand anschloss. Caleb näherte sich zögernd von der anderen Seite.
»Leg dich hin!«, befahl sie.
»Warum?«
»Ich werde dich fesseln und knebeln. Dann werde ich von hier verschwinden.«
»Wohin?«
»Darauf erwartest du nicht wirklich eine Antwort, oder?«
Caleb kniff die Lippen zusammen. Als er die Schuhe auszog, bevor er sich auf das Bett legte, kitzelte in Ronas Rachen ein böses, mühsam unterdrücktes Lachen. Aber sie sagte nichts.
Caleb sah zu ihr auf.
»Worauf wartest du?«, fragte er. »Fessele mich!«
Ohne den Finger vom Abzug zu nehmen, griff Rona nach dem Kopfkissen und zog es unter Calebs Nacken hervor.
Zwei schnelle Aktionen, die ineinanderfließen,
dachte Rona.
Das Kissen auf sein Gesicht pressen und den Lauf tief in die Daunen bohren. Sofort abdrücken.
Die Fenster waren geschlossen. Trotzdem würde der Knall draußen oder in den angrenzenden Häusern zu hören sein. Aber die wenigsten Menschen würden vermuten, einen Gewehrschuss gehört zu haben.
Wirklich nicht? Dies war nicht irgendein Land und nicht irgendeine Stadt.
Der unterschwellige Kriegszustand, in dem die Bürger Jerusalems, die Bürger Israels lebten, war Nährboden für permanente Wachsamkeit. Immer und überall war man auf der Hut, berechtigterweise, denn Terroranschläge gehörten zum Alltag dieser Leute...
... die vom wahren Terror nichts ahnen,
dachte Rona.
Von Vampiren und Werwölfen, die unter ihnen leben, die töten, um dunkle Triebe oder einfach nur ihr eigenes, unzählige Male beflecktes Leben zu verlängern...
»Warum nimmst du mir das Kissen weg?«
Weil ich –
Caleb glaubte immer noch nicht, dass er um sein Leben fürchten musste.
In all seinen Schrecken, all seine Ohnmacht mischt sich immer noch... Bewunderung für mich.
Rona fröstelte.
Sie blickte auf Caleb hinab und dachte – obwohl keinerlei Ähnlichkeit die beiden verband – an Sardon.
»Sei endlich still!«, presste sie hervor.
Kissen und Karabiner.
Tu es!
»Wer bist du? Warum erklärst du mir
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