Das Flammende Kreuz
Leben gerettet.«
»Natürlich. Und nicht nur Ärzte.« Hingerissen von der Überzeugungskraft meiner Argumente, setzte ich mich auf. »Aber das spielt keine Rolle - verstehst du denn nicht? Du -« Ich zeigte mit dem Finger auf ihn. »Du hast doch auch schon dann und wann einen Menschen gerettet. Fergus? lan? Und hier sind sie nun beide, leben vor sich hin, pflanzen sich fort und so weiter. Du hast für sie doch die Zukunft verändert, nicht wahr?«
»Aye, nun ja... vielleicht. Aber mir blieb doch gar nichts anderes übrig, oder?«
Diese simple Frage machte mich sprachlos, und wir lagen eine Weile schweigend da und sahen zu, wie das Licht über die weiß verputzte Wand flackerte. Schließlich bewegte er sich an meiner Seite und sprach weiter.
»Ich sage das nicht, weil ich mir Mitleid wünsche«, sagte er. »Aber siehst du... dann und wann schmerzen mich meine Knochen ein wenig.« Ohne mich anzusehen, spreizte er seine verkrüppelte Hand und wandte sie im Licht hin und her, so dass seine gekrümmten Finger einen Schatten an die Wand warfen, der die Gestalt einer Spinne hatte.
Dann und wann. Ich wusste es sehr gut. Ich kannte die Grenzen des menschlichen Körpers - und seine Wunder. Ich hatte oft genug gesehen, wie er sich nach getaner Tagesarbeit niedersetzte und ihm die Erschöpfung in jede Falte seines Gesichtes geschrieben stand. Hatte gesehen, wie er sich an kalten
Tagen morgens langsam erhob und hartnäckig gegen den Protest seiner Knochen und Muskeln ankämpfte. Ich wäre jede Wette eingegangen, dass er seit Culloden keinen einzigen schmerzfreien Tag mehr erlebt hatte, und die Schäden, die sein Körper im Krieg genommen hatte, verschlimmerten sich durch Feuchtigkeit und widrige Lebensbedingungen. Ebenso wäre ich jede Wette eingegangen, dass er niemals ein Wort davon gesagt hatte. Bis jetzt.
»Ich weiß«, sagte ich leise und berührte seine Hand. Die unregelmäßige Narbe, die ihm das Bein zerfurchte. Die kleine Mulde in seinem Arm, die eine Gewehrkugel hinterlassen hatte.
»Aber nicht, wenn ich bei dir bin«, sagte er und bedeckte meine Hand, die auf seinem Arm lag. »Wusstest du, dass ich nur dann keine Schmerzen habe, wenn ich bei dir im Bett liege, Sassenach? Wenn ich dich nehme, wenn ich in deinen Armen liege - dann sind meine Wunden geheilt, und meine Narben sind vergessen.«
Ich seufzte und legte meinen Kopf in seine Schulterbeuge. Mein Oberschenkel drückte sich an den seinen, meine weichen Muskeln schmiegten sich um sein härteres Bein.
»Meine auch.«
Er schwieg eine Weile und strich mir mit seiner gesunden Hand über das Haar. Es war wild und buschig. Durch unsere Bewegungen hatte es sich aus seiner Befestigung gelöst, und er strich die lockigen Strähnen einzeln glatt und kämmte sie zwischen seinen Fingern aus.
»Dein Haar ist wie eine große Sturmwolke, Sassenach«, murmelte er und klang, als schliefe er schon halb. »Voll Dunkelheit und Licht zugleich. Du hast keine zwei Haare, die dieselbe Farbe haben.«
Er hatte Recht; die Locke zwischen seinen Fingern wies Strähnen aus purem Weiß auf, silberne und blonde, dunkle Streifen, die schwarz wie ein Zobel waren, und an mehreren Stellen hatte es noch das Hellbraun meiner Jugend.
Seine Finger wanderten unter die Masse meines Haars, und ich spürte, wie sich seine Hand um meinen Schädelknochen legte, so dass er meinen Kopf wie einen Kelch hielt.
»Ich habe meine Mutter in ihrem Sarg gesehen«, sagte er schließlich. Sein Daumen berührte mein Ohr und fuhr an der gewölbten Außenkante entlang bis zum Ohrläppchen. Seine Berührung ließ mich erschauern.
»Die Frauen hatten ihr das Haar geflochten, damit sie anständig aussah, aber mein Vater wollte das nicht. Ich habe ihn gehört. Aber er hat nicht gebrüllt, sondern er war ganz leise. Er wollte sie das letzte Mal so sehen, wie sie für ihn gewesen war, hat er gesagt. Die Frauen haben gesagt, er sei ja halb von Sinnen vor Trauer, er sollte sie nur machen lassen und still sein. Er hat gar nicht erst versucht, weiter mit ihnen zu diskutieren, sondern ist selbst zum Sarg gegangen. Er hat ihre Zöpfe gelöst und ihr Haar mit beiden Händen über das Kissen gebreitet. Sie hatten Angst, ihn davon abzuhalten.«
Er hielt inne, und sein Daumen kam zur Ruhe.
»Ich war dabei, hab’ still in einer Ecke gestanden. Als sie alle ins Freie gegangen sind, um den Priester zu begrüßen, habe ich mich herangeschlichen. Ich hatte noch nie einen Toten gesehen.«
Ich umschloss wortlos seinen Unterarm
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