Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
– falls – sie Sai Stephen King gegenübertraten.
»Rettet ihn man lieber«, sagte sie. Roland wie Jake konnten hören, wie die alte Einschleichdiebin Detta sich in ihre Stimme drängte. »Nach allem, was heute passiert is, solltet ihr ihn lieber rettn. Und diesmal sagst du ihm, dass er nich mehr aufhörn darf, seine Geschichte zu schreiben. Ganz egal, was kommt: Hölle, Hochwasser, Krebs oder Pimmelfaulbrand. Er soll auch keine Gedanken an den Pulitzerpreis verschwenden. Sag ihm, dass er weitermachn und seine beschissene Story zu Ende bringen soll.«
»Ich werde die Botschaft weitergeben«, sagte Roland.
Sie nickte.
»Und du wirst zu uns stoßen, sobald dieser Auftrag ausgeführt ist«, sagte Roland mit beim letzten Wort leicht gehobener Stimme, die daraus fast eine Frage machte. »Du kommst dann mit uns und führst gemeinsam mit uns den letzten Auftrag aus, oder nicht?«
»Ja«, sagte sie. »Und zwar nicht, weil ich das möchte – mein ganzer Mut ist flöten –, sondern weil er wollte, dass ich’s tue.« Sanft, ganz sanft legte sie Eddies Hand wieder zur anderen auf dessen Brust. Dann zeigte sie mit einem Finger auf Roland. Die Fingerspitze zitterte kaum wahrnehmbar. »Fang bloß nicht wieder mit dem Scheiß an, von wegen wir sind ka-tet, eins aus vielen. Die Zeiten sind nämlich vorbei. Hab ich Recht?«
»Ja«, sagte Roland. »Aber der Turm steht noch immer. Und wartet.«
»Darauf bin ich auch nicht mehr scharf, großer Macker.« Nicht ganz Dettas Tonfall, aber beinahe. »Wenn du mal die Wahrheit hören willst.«
Aber Jake merkte, dass sie nicht die Wahrheit sagte. Sie hatte ihre Begierde, den Dunklen Turm zu Gesicht zu bekommen, so wenig eingebüßt wie Roland. So wenig wie Jake selbst. Ihr Tet mochte zerbrochen sein, aber das Ka blieb. Und sie spürte es so stark wie ihre Gefährten.
15
Sie küssten sie (und Oy leckte ihr kurz über die Wange), bevor sie gingen.
»Pass gut auf dich auf, Jake«, sagte Susannah. »Komm heil wieder, hörst du? Eddie hätte dir nichts anderes gesagt.«
»Ich weiß«, murmelte Jake und küsste sie dann noch einmal. Er lächelte, weil er zu hören glaubte, wie Eddie ihn ermahnte, auf seinen Arsch aufzupassen, der schon einen Spalt habe, und begann wieder zu weinen. Susannah hielt ihn noch einen Augenblick länger an sich gedrückt, dann wandte sie sich wieder ihrem Mann zu, der so still und kalt im Bett des Präfekten lag. Jake begriff, dass sie im Augenblick wenig Zeit für Jake Chambers oder Jake Chambers’ Schmerz hatte. Ihr eigener war dafür einfach zu groß.
16
Vor der Tür wartete Dinky auf Jake. Roland ging mit Ted voraus; die beiden waren in ein Gespräch vertieft bereits am Ende des Korridors angelangt. Jake nahm an, dass sie auf die Promenade zurückwollten, auf der Sheemie (mit etwas Unterstützung der anderen) dann versuchen würde, sie ein weiteres Mal auf die Amerika-Seite zu schicken. Das erinnerte ihn an etwas.
»Die Züge der Linie D fahren doch nach Süden«, sagte er. »Beziehungsweise dorthin, wo Süden liegen sollte, stimmt’s?«
»Mehr oder weniger, Partner«, sagte Dinky. »Manche der Loks haben poetische Namen wie Delicious Rain oder Spirit of the Snow Country, aber alle sind mit Buchstaben und Ziffern bezeichnet.«
»Steht das für Dandelo?«, fragte Jake.
Dinky starrte ihn verwundert stirnrunzelnd an. »Dandelo? Was zum Teufel soll das denn sein?«
Jake wiegte den Kopf. Er wollte Dinky nicht einmal erzählen, wo er dieses Wort gehört hatte.
»Also, ich weiß es nicht, nicht bestimmt«, sagte Dinky, während sie weitergingen, »aber ich habe immer angenommen, das würde Discordia bedeuten. Weil dort doch angeblich alle Züge enden – irgendwo tief im ödesten Ödland des Universums.«
Jake nickte. D wie Discordia. Das klang vernünftig. Zumindest halbwegs.
»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte Dinky. »Was ist ein Dandelo?«
»Nur ein an eine Wand gekritzeltes Wort, das ich am Bahnhof Donnerschlag gelesen habe. Wahrscheinlich bedeutet es überhaupt nichts.«
17
Vor Corbett Hall wartete eine Delegation von Brechern. Sie wirkten erbittert und ängstlich. D wie Dandelo, sagte Jake sich. D wie Discordia. Und auch d wie desolat.
Roland baute sich mit verschränkten Armen vor ihnen auf. »Wer spricht für euch?«, fragte er. »Spricht einer für euch, so lasst ihn vortreten, unsere Zeit hier ist nämlich um.«
Ein grauhaariger Gentleman – ein weiterer Bankierstyp, um genau zu sein
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