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Der Idiot

Titel: Der Idiot Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fëdor Michajlovic Dostoevskij
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gegen Ende des Sommers stattfinden können, wenn auch nur in der Form eines ein- oder zweimonatigen Ausfluges der Mutter und der beiden bei ihr verbliebenen Töchter, um den Schmerz über Adelaidas Ausscheiden aus der Familie zu besänftigen. Aber es trat wieder ein neues Ereignis ein: schon zu Ende des Frühjahrs (Adelaidas Hochzeit hatte sich etwas verzögert und war nun auf die Mitte des Sommers angesetzt worden) führte Fürst Schtsch. bei der Jepantschinschen Familie einen entfernten Verwandten von sich ein, mit dem er aber sehr gut bekannt war. Es war dies ein gewisser Jewgeni Pawlowitsch R., ein noch sehr junger Mann (er mochte ungefähr achtundzwanzig Jahre alt sein), Flügeladjutant, bildschön, von vortrefflicher Herkunft, geistreich, elegant, »ein Anhänger der neuen Ideen«, »hochgebildet« und unerhört reich. Hinsichtlich dieses letzten Punktes war der General immer sehr vorsichtig. Er zog Erkundigungen ein und äußerte dann: »Die Sache scheint sich tatsächlich so zu verhalten; indes ist doch noch weitere Bestätigung erforderlich.« Dieser junge Flügeladjutant, dem man eine große Zukunft prophezeite, erhielt noch eine besondere Empfehlung durch die Art, wie sich die alte Fürstin Bjelokonskaja in Moskau in ihren Briefen über ihn aussprach. Nur in einem Punkt war sein Ruf etwas bedenklich: er sollte mehrere Liaisons gehabt und, wie behauptet wurde, mehrere Siege über unglückliche Herzen davongetragen haben. Nachdem er Aglaja gesehen hatte, wurde er in der Familie Jepantschin ein überaus häufiger Gast. Er hatte zwar noch nichts deutlich ausgesprochen, ja nicht einmal irgendwelche Andeutungen gemacht; aber die Eltern waren doch der Ansicht, man müsse für diesen Sommer den Plan einer Auslandsreise aufgeben. Aglaja selbst war vielleicht anderer Meinung.
    Dies begab sich, kurz bevor unser Held zum zweitenmal auf dem Schauplatz unserer Erzählung erschien. Zu dieser Zeit war, nach dem äußeren Schein zu urteilen, der arme Fürst Myschkin in Petersburg bereits vollständig in Vergessenheit geraten. Wäre er jetzt auf einmal unter den Menschen, die ihn kannten, erschienen, so würden sie so überrascht gewesen sein, als ob er vom Himmel gefallen wäre. Aber wir wollen inzwischen von noch einem Ereignis Mitteilung machen und damit unsere Einleitung beschließen.
    Kolja Iwolgin setzte nach der Abreise des Fürsten anfangs sein früheres Leben fort, das heißt er ging ins Gymnasium, besuchte seinen Freund Ippolit, beaufsichtigte den General und half seiner Schwester Warja in der Wirtschaft, indem er Laufburschendienste verrichtete. Aber die Untermieter verschwanden schnell: Ferdyschtschenko zog drei Tage nach dem Vorfall, der in Nastasja Filoppownas Wohnung stattgefunden hatte, aus und war sehr bald verschollen, so daß man von ihm überhaupt nichts mehr zu hören bekam; es hieß, daß er irgendwo trinke; aber es fehlte dafür die Bestätigung. Der Fürst reiste nach Moskau; so war es mit den Untermietern zu Ende. Als sich dann Warja verheiratete, zogen Nina Alexandrowna und Ganja mit ihr zusammen zu Ptizyn in die Ismailowskaja-Straße; was den General Iwolgin anlangt, so begegnete ihm fast gleichzeitig etwas ganz Unvorhergesehenes: er wurde ins Schuldgefängnis gesetzt. Veranlaßt hatte dies seine Freundin, die Hauptmannsfrau, auf Grund der Schuldscheine, die er ihr zu verschiedenen Zeiten im Gesamtbetrag von etwa zweitausend Rubeln gegeben hatte. Das war für ihn eine vollständige Überraschung, und der arme General war nun »entschieden ein Opfer seines zu weit gehenden Glaubens an den Edelmut des menschlichen Herzens, allgemein gesagt«. Da er sich angewöhnt hatte, Schuldscheine und Wechsel zu unterschreiben, ohne sich im geringsten darüber zu beunruhigen, so hatte er gar nicht an die Möglichkeit gedacht, daß solche Urkunden jemals wirksam werden könnten, sondern immer gemeint, das sei nur so eine Form. Nun stellte sich heraus, daß es nicht nur so eine Form war. »Und da soll man sich nun noch auf Menschen verlassen und ihnen ein edelmütiges Vertrauen schenken!« rief er bekümmert aus, als er mit seinen neuen Freunden im Tarasowschen Haus bei einer Flasche Wein saß und ihnen seine Geschichten von der Belagerung von Kars und von dem auferstandenen Soldaten erzählte. Er führte dort übrigens ein höchst angenehmes Leben. Ptizyn und Warja sagten, daß das für ihn ganz der richtige Ort sei, und Ganja stimmte ihnen völlig bei. Nur die arme Nina Alexandrowna weinte im stillen bitterlich,

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