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Der Idiot

Titel: Der Idiot Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fëdor Michajlovic Dostoevskij
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schließlich auf der andern Seite wüchse, nicht qualitativ, aber quantitativ. Bei diesen Erwägungen, meine Herren, versetze ich mich natürlich in die Seele eines Verbrechers aus dem zwölften Jahrhundert. Was mich selbst, einen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, anlangt, so würde ich darüber vielleicht anders urteilen, was ich hiermit zu Ihrer Kenntnis bringe, meine Herren, so daß Sie keinen Anlaß haben, über mich zu grinsen, und für Sie, General, schickt sich das nun schon ganz und gar nicht. Zweitens ist ein Kind meiner Ansicht nach nicht nahrhaft, vielleicht sogar von zu süßlichem, fadem Geschmack, so daß sein Genuß, ohne die Bedürfnisse des Magens zu befriedigen, nur Gewissensbisse hinterläßt. Jetzt kommt nun die Schlußfolgerung, das Finale, meine Herren, das Finale, in welchem die Antwort auf eine der wichtigsten Fragen der damaligen und der jetzigen Zeit enthalten ist! Der Verbrecher geht zu guter Letzt hin, denunziert sich bei der Geistlichkeit und übergibt sich in die Hände der Gerechtigkeit. Man bedenke, welche Qualen ihn in damaliger Zeit erwarteten, welche Räder, Scheiterhaufen und Flammen! Was hat ihn dazu getrieben, hinzugehen und sich zu denunzieren? Warum ist er nicht einfach bei der Zahl sechzig stehengeblieben und hat sein Geheimnis bis zu seinem letzten Atemzug bewahrt? Warum hat er nicht einfach dem Verspeisen von Mönchen entsagt und büßend als Einsiedler gelebt? Warum ist er endlich nicht selbst Mönch geworden? Hier ist die Lösung! Also gab es etwas, was stärker war als alle Scheiterhaufen und Flammen, stärker selbst als eine zwanzigjährige Gewohnheit! Also gab es eine Idee, die stärker war als alle Leiden, Mißernten, Foltern, Pest, Aussatz und all diese Höllenqualen, die die Menschheit ohne jene allumfassende Idee, die den Seelen die Richtung gab und die Lebensquellen befruchtete, nicht hätte ertragen können! Zeigen Sie mir etwas Ähnliches, gleich Starkes in unserem Jahrhundert der Laster und der Eisenbahnen ... das heißt, ich sollte eigentlich sagen: in unserem Jahrhundert der Dampfschiffe und der Eisenbahnen; aber ich sage: in unserem Jahrhundert der Laster und der Eisenbahnen; denn ich bin betrunken, aber gerecht! Zeigen Sie mir eine die jetzige Menschheit umfassende Idee, die auch nur halb so stark wäre wie die jener Jahrhunderte! Wagen Sie schließlich zu sagen, daß die Quellen des Lebens unter diesem ›Stern‹, diesem Netz, das die Menschen umstrickt, nicht schwächer fließen, nicht trübe geworden sind! Suchen Sie mich nicht durch Ihre Reden von der Wohlhabenheit, vom Reichtum, von der Seltenheit des Hungers und von der Schnelligkeit der Verkehrsmittel zu schrecken! Der Reichtum ist größer geworden, aber die sittliche Kraft geringer; die allumfassende Idee fehlt; alles ist schlaff geworden, alles ist ausgekocht, alle Menschen sind ausgekocht! Wir alle, wir alle, wir alle sind ausgekocht ...! Aber genug davon; darum handelt es sich jetzt nicht, sondern darum, ob wir nicht den für die Gäste hergerichteten Imbiß auftragen lassen sollen, hochverehrter Fürst?«
    Lebedjew, der einige seiner Zuhörer schon wirklich unwillig gemacht hatte (es muß übrigens bemerkt werden, daß während der ganzen Zeit ununterbrochen neue Flaschen entkorkt wurden), versöhnte durch den unerwarteten Schluß seiner Rede, durch den Hinweis auf den Imbiß, sogleich alle seine Gegner wieder mit sich. Er selbst nannte einen solchen Schluß einen geschickten Advokatenkniff. Es erhob sich wieder heiteres Gelächter; die Gäste wurden wieder lebendig; alle standen vom Tisch auf, um die Glieder zu recken und in der Veranda umherzugehen. Nur Keller fühlte sich durch Lebedjews Rede nicht befriedigt und befand sich in starker Aufregung.
    »Er greift die Aufklärung an, predigt den Fanatismus des zwölften Jahrhunderts, spielt den Tugendhaften, ohne doch im Herzen unschuldig zu sein: möchten Sie ihn nicht einmal fragen, auf welche Weise er selbst sich ein Haus erworben hat?« sagte er laut, indem er alle und jeden anhielt.
    »Ich habe einen echten Erklärer der Offenbarung des Johannes gekannt«, sagte der General in einer andern Ecke zu andern Zuhörern, unter denen sich auch Ptizyn befand, den er an einen Knopf gefaßt hatte, »den verstorbenen Grigori Semjonowitsch Burmistrow; der verstand es, die Herzen sozusagen zu entflammen. Zuerst setzte er sich die Brille auf und schlug ein großes, altes Buch in schwarzem Ledereinband auf; na, und dazu der graue Bart und zwei

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