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Der Name der Rose

Der Name der Rose

Titel: Der Name der Rose Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Umberto Eco
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zu werden begann, wurden Knechte ausgeschickt, das Tal und die Felshänge unter den Mauern abzusuchen. Sie kamen drei Stunden später zurück, ohne etwas gefunden zu haben.
    William nahm mich beiseite, sagte, es bliebe uns nun nichts anderes übrig, als die weiteren Ereignisse abzuwarten, und begab sich in die Glaserwerkstatt, um mit Meister Nicolas ein intensives Gespräch zu führen.
    Ich ging in die Kirche und setzte mich nahe dem Hauptportal auf eine Bank, während vorn im Chor die Messe zelebriert wurde. So dauerte es nicht lange, bis ich andächtig lauschend einnickte – und zwar für geraume Zeit, denn offensichtlich brauchen die Jungen mehr Schlaf als die Alten, die schon soviel geschlafen haben und bald in Ewigkeit schlafen werden.
    115
    Der Name der Rose – Dritter Tag
    DRITTER TAG
    TERTIA
    Worin Adson im Skriptorium über die Geschichte seines Ordens nachdenkt sowie über das Schicksal der Bücher.
    Schlafbenommen trat ich aus der Kirche, nicht mehr so müde, aber mit schwerem Kopf, denn wahrhaft erfrischende Ruhe findet der Leib nur in den Stunden der Nacht. So stieg ich hinauf ins Skriptorium, bat den Bibliothekar um Erlaubnis und begann, im Verzeichnis der Bücher zu blättern. Doch während meine Augen zerstreut über die Seiten des schweren Folianten glitten, beobachtete ich in Wahrheit die Mönche.
    Eindrucksvoll schien mir, mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie ihrer Arbeit nachgingen, als würde nicht gerade einer der ihren fieberhaft in der ganzen Abtei gesucht, als wären nicht erst vor kurzem zwei andere unter erschreckenden Umständen aus ihrer Mitte gerissen worden. Ja, sagte ich mir, das eben ist die Größe unseres Ordens: Jahrhundertelang haben Männer wie diese mitansehen müssen, wie barbarische Horden einbrachen, ihre Abteien plünderten, ganze Reiche in Schutt und Asche legten, und doch oblagen sie unbeirrt weiter ihrer Liebe zu Pergament und Tinte, wälzten unbeirrt weiter kostbare Bücher und lasen mit spitzen Lippen Worte, die ihnen tradiert worden waren durch die Jahrhunderte und die sie weitertradierten an die Jahrhunderte nach ihnen. Sie lasen und schrieben selbst weiter, als das Jahrtausend zu Ende ging, warum sollten sie also jetzt damit aufhören?
    Am Vortag hatte uns Benno gestanden, daß er zur Sünde bereit wäre, um ein seltenes Buch zu bekommen. Es war keine Lüge gewesen und auch kein Scherz. Gewiß, ein Mönch sollte seine Bücher in Demut lieben, sich lediglich ihrer Erhaltung widmen und nicht der Befriedigung seiner Neugier. Doch was für den Laien die Verlockung des Ehebruchs ist und für den städtischen Priester der Zauber des Reichtums, das ist für den Mönch die Versuchung des Wissens und der Erkenntnis.
    Ich blätterte im Katalog, und ein Reigen geheimnisumwitterter Buchtitel tanzte vor meinen Augen: Quinti Sereni de medicamentis , Phaenomena , Liber Aesopi de natura animalium , Liber Aethici peronymi de cosmographia , Libri tres quos Arculphus episcopus Adamnano escipiente de locis sanctis ultramarinis designavit conscribendos , Libellus Q. Iulii Hilarionis de origine mundi , Solini Polyhistor de situ orbis terrarum et mirabilibus , Almagesthus . . . Kein Wunder, so schien mir, wenn sich das Geheimnis der Verbrechen in dieser Abtei um die Bibliothek drehte. Für diese den Schriften geweihten Mönche war die Bibliothek gleichzeitig das himmlische Jerusalem und ein verborgenes Reich an der Grenze zwischen Terra incognita und heidnischer Unterwelt. Sie wurden beherrscht von der Bibliothek, von ihren Verheißungen wie von ihren Verboten. Sie lebten mit ihr, für sie und vielleicht auch gegen sie, in der sündigen Hoffnung, eines Tages all ihre Geheimnisse lüften zu können. Warum sollten sie nicht den Tod riskieren, um ein Verlangen ihres wißbegierigen Geistes zu stillen, warum nicht schließlich auch töten, um zu verhindern, daß jemand sich eines ihrer kostbaren Geheimnisse bemächtigte?
    Versuchungen, gewiß, Hoffart des Geistes. Wie anders war dagegen der schreibende Mönch, den sich einst unser heiliger Ordensgründer vorgestellt hatte: fähig, ein Buch zu kopieren, ohne es zu verstehen, entsagungsvoll Gottes Willen verrichtend, schreibend, weil betend, und betend, solange er schrieb. Warum war das jetzt nicht mehr so? Und dies war gewiß nicht die einzige Degenerationserscheinung unseres Ordens, oh nein! Er war zu mächtig geworden, seine Äbte wetteiferten mit den Königen; bot nicht Abbo das Beispiel für einen Monarchen, der mit monarchischer Miene

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