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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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geheimnißvolle Person, welche hier auftaucht.«
    »Wer noch?«
    »Nun, zunächst der Waldkönig –«
    »Ich hoffe, daß dessen Geheimniß bald durchschaut sein wird.«
    »Auch ich hoffe das, zumal ich glaube, bereits einen Zipfel des Vorhanges ergriffen zu haben.«
    »Wirklich? Dann gratulire ich und wünsche, daß wir Hand in Hand gehen mögen. Aber, wen meinen Sie unter der zweiten geheimnißvollen Person?«
    »Den Fürsten des Elendes!«
    »Den! Kennen Sie ihn?«
    »Nein. Aber er ist hier gesehen worden.«
    »Von wem?«
    »Vom Gerichtsdirector, von einem Actuar und vom Pfarrer unseres Nachbarstädtchens.«
    »Nur von diesen Dreien?«
    »Ja. Ich weiß keinem Vierten.«
    »Ich weiß sogar einen Vierten und Fünften. Der Vierte nämlich ist hier Freund Wunderlich, und der Fünfte sind Sie selbst, Herr Staatsanwalt.«
    »Ich?« fragte dieser verwundert.
    »Jawohl.«
    »Wie? Ich sollte den Fürsten des Elendes gesehen haben?«
    »Ja. Aber sprechen wir nicht in der vergangenen Form, sondern in der gegenwärtigen: Sie sehen den Fürsten.«
    Da machte der Beamte eine Bewegung des allergrößten Erstaunens und rief:
    »Wäre es möglich! Sie selbst sind es?«
    »Ja,« antwortete Arndt einfach.
    »Ah! Nun begreife ich auch die ganz außerordentliche Vollmacht, welche Sie von Seiner Excellenz besitzen. Herr Arndt, ich stelle mich Ihnen natürlich in jeder Weise zur Verfügung.«
    »Danke! Ich werde mich Ihres freundlichen Anerbietens gern bedienen. Und da fällt mir sogleich ein, was Sie vorhin in Beziehung auf den Vorhang sagten: Sie glauben, einen Zipfel desselben bereits in den Händen zu haben?«
    »Ja. Freilich ist es auch sehr leicht möglich, daß ich mich irre.«
    »Darf ich etwas über diesen interessanten Zipfel erfahren?«
    »Gewiß! Zumal ich vorhin von Ihnen hörte, daß Sie sich hier befinden, um den Waldkönig zu fangen. Ich habe nämlich so eine kleine Ahnung, wer die Rolle des Pascherkönigs spielt.«
    »Wirklich? Das wäre entweder ein Beweis Ihres Scharfsinns oder ein Fingerzeig, daß Sie mit dem Zufalle glücklich gespielt haben.«
    Der Beamte zuckte einigermaßen stolz die Achsel, antwortete aber doch in möglichst bescheidenem Tone: »Es wird wohl das Letztere sein.«
    »Also Zufall?«
    »Ja, obgleich es nicht einem Jeden gegeben ist, einen glücklichen Zufall schnell und vollständig auszunützen.«
    »Da stimme ich Ihnen bei, bin aber auch überzeugt, daß Sie der Mann sind, einen guten Zufall energisch bei den Hörnern zu fassen.«
    »Das habe ich allerdings gethan, oder vielmehr, ich stehe noch im Begriffe, es zu thun.«
    »So zögern Sie ja nicht! Aber, wollten wir nicht von dem erwähnten Zipfel sprechen?«
    Der Anwalt warf einen bezeichnenden Blick auf den alten Förster Wunderlich und antwortete: »Ist das nicht auch eine secrete Angelegenheit?«
    »Allerdings. Aber vor meinem alten, guten Vetter hier brauchen wir uns nicht zu geniren. Er ist mit in das Geheimniß gezogen und darf Alles hören, was wir zu besprechen haben.«
    »Auch in Beziehung auf den Waldkönig?«
    »Ja. Gerade in dieser Beziehung ist er meine rechte Hand gewesen, er und der Weber Eduard Hauser.«
    »Dieser? Der Hauser?« fragte der Staatsanwalt erstaunt.
    »Ja.«
    »Eigenthümlich!«
    »Wundert Sie das?«
    »Gewiß! Haben Sie gehört, daß dieser Hauser arretirt worden ist?«
    »Ja.«
    »Kennen Sie auch den Grund dieser Arretur?«
    »Ich hörte davon sprechen.«
    »Und dennoch sagen Sie, daß er Ihr Verbündeter sei!«
    »Er war es und ist es noch. Gerade seinetwegen sind wir Beide mitten in der Nacht zu Ihnen gekommen.«
    »Ja, nur seinetwegen!« fiel der Förster mit seinem kräftigen Basse ein. »Wissen Sie, mit welcher Gelegenheit wir gekommen sind, Herr Staatsanwalt?«
    »Nein.«
    »Mit Extrapost.«
    »Ah! Warum?«
    »Weil wir den Hausers Eduard gleich mitnehmen wollen.«
    »Gleich mitnehmen? Das ist doch wohl ein etwas sanguinischer Vorsatz, mein lieber Herr Wunderlich!«
    »Das Sanguinische geht mich den Teufel an. Ich weiß auch gar nicht, was dieses Wort zu bedeuten hat; aber mitgenommen wird der Hauser, das versteht sich ganz von selbst.«
    »Sie werden sich aber doch noch für einige Zeit in Geduld fassen müssen, lieber Freund!«
    »In Geduld? Der Kukuk hole die Geduld! Es giebt in allen Sprachen der Welt keinen so dummen Ausdruck wie das Wort Geduld! Der Hauser ist unschuldig!«
    Der Beamte machte eine halb abwehrende Handbewegung und fragte, zu Arndt gewendet: »Sind auch Sie dieser Meinung, mein

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