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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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sehr zweifelhaftes Licht auf ihn!«
    »Zweifelhaft? Von zweifelhaft kann da auf keinem Fall die Rede sein. Das Licht, welches da auf ihn fällt, ist so hell und rein wie der liebe Sonnenstrahl!«
    »Aber Holzdieb!«
    »Verstehen Sie nicht falsch! Er wollte mausen!«
    »Wollte?«
    »Ja, aber er hat nicht gemaust!«
    »Nun, dann konnten Sie ihn ja auch nicht arretiren?«
    »O doch! In meiner Instruction steht, daß ich einen Jeden, der sich mit einer Säge im Walde blicken läßt, festnehmen soll.«
    »So hatte er also eine Säge mit?«
    »Ja. Er hatte Wochen lang gearbeitet, Tag und Nacht, ohne sich nur halb satt zu essen. Als er zu dem Seidelmann kam, gab ihm dieser keinen Lohn. Zu Hause gab es Hunger und Kummer, Kälte und Elend, kein Essen, kein Trinken, kein Oel, kein Holz, keine Kohlen. Das wandte sein Herz um. Er griff zur Säge und ging in den Wald, um sich ein abgestorbenes Stämmchen zu holen, an dem sich seine alten Eltern und seine kleinen, frierenden Geschwister erwärmen könnten. Das war des Abends.«
    »Der Ärmste!« entfuhr es dem Anwalte.
    »Ja, der Ärmste! Und dann aber, als die Säge das Holz berührte, war es ihm, als ob die Zähne des Sägeblattes ihm durch die innerste Seele gingen – er konnte nicht; er wollte lieber verhungern und erfrieren als ein Holzdieb werden. Was sagen Sie dazu, Herr Staatsanwalt?«
    »Daß er ein zartes Rechtsgefühl, ein sehr sensitives Gewissen hat.«
    »Ob sein Gewissen sensitiv ist, das weiß ich nicht, denn ich bin kein Thierarzt oder sonst ein Quacksalber; aber daß er ein braver Kerl ist, das weiß ich.«
    »Aber was that er dann?«
    »Hm! Er traf auf mich. Ich fragte ihn, und er erzählte mir ganz aufrichtig, in welcher Versuchung er sich befunden habe.«
    »Nun, da ahne ich, daß Sie ihm geholfen haben.«
    »Na, ich weniger als hier der Vetter! Aber das ist einerlei. Die Hauptsache ist, ob Sie zugeben, daß er brav gewesen ist.«
    »Das leugne ich nicht.«
    »Halten Sie einen so braven Jungen für einen Schmuggler?«
    »Hm!«
    »Donnerwetter! Hier wird gar nicht ge-hmt! Hier wird fein ordentlich gesprochen! Glauben Sie, daß so ein Kerl, dem der Klang der Säge tief in die Seele schneidet, der Waldkönig sein kann?«
    »Nein, das glaube ich nicht!«
    »Das wollte ich wissen.«
    Der Anwalt schüttelte leise den Kopf und bemerkte in beruhigendem Tone:
    »Aber, mein Lieber, sie ereifern sich wirklich zuviel!«
    »Soll ich das etwa nicht, wenn ich sehe, daß ein braver Kerl so unschuldig eingesteckt und eingesponnen wird? Ist Ihnen etwa oder vielleicht ein Ding bekannt, welches man die Criminalprozeßordnung nennt?«
    »Ich sollte meinen,« antwortete der Anwalt lächelnd.
    »Nun, ich habe dieses Ding zwar nicht studirt, aber ich muß Sie auf einen Punct aufmerksam machen, den Sie in diesem verwickelten Dinge ganz gewiß finden werden.«
    »Welcher Punct wäre das?«
    »Nun, nicht wahr, Eduard Hauser ist verdächtigt worden, der Waldkönig zu sein?«
    »Ja.«
    »Na, dann ist es Ihre Sache, ihm zu beweisen, daß er es wirklich ist; aber nicht seine Sache ist es, zu beweisen, daß er es nicht ist! Verstanden?«
    »O, Sie sprechen laut genug, um verstanden zu werden!«
    »Spreche ich auch laut genug, um von Ihnen Recht zu erhalten?«
    »Ja.«
    »Freut mich sehr, Herr Anwalt, zumal ich überzeugt bin, daß es Ihnen sehr schwer werden wird, den erwähnten Beweis zu führen.«
    »Ich glaube, es wird mir nicht nur sehr schwer, sondern sogar unmöglich sein.«
    »Schön! So lassen Sie ihn frei.«
    »Doch nicht sofort?«
    »Eigentlich wollte ich ohne ihn nicht fortgehen. Hm! Wenn nur diese verteufelten Spitzen nicht wären!«
    »Das ist es ja! Man hat sie bei ihm gefunden.«
    »Aber ist das etwa zum Einsperren?«
    »Zunächst ist das kein Grund, ihn criminaliter vorzunehmen. Wer schmuggelt und dabei ergriffen wird, der wird gepfändet und muß Strafe zahlen. So auch Hauser. Gefängnißstrafe kann er wegen diesen Spitzen nicht bekommen.«
    »Nun, so wiederhole ich: Lassen Sie ihn heraus!«
    »Nur nicht so sanguinisch!«
    »Donner und Doria! Ich weiß gar nicht, was Sie heute nur mit Ihrem Sanguinisch haben!«
    »Das Verfahren muß den geordneten Weg einschlagen. Ich werde den Gefangenen heute gleich vernehmen, und dann wird sich zeigen, was zu thun ist. Ueberhaupt sind die Spitzen, welche man bei ihm gefunden hat, eben jener Vorhangzipfel, von dem ich vorhin sprach.«
    »Wieso?« fragte Arndt.
    »Er behauptet, nichts von diesen Spitzen zu wissen.«
    »Soweit ich ihn kenne,

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