Der verlorne Sohn
Herr!«
»Ehe ich die meinige ausspreche, möchte ich zuvor die Ihrige kennen, Herr Staatsanwalt. Es ist mir in dieser Angelegenheit so Manches unklar geblieben, daß ich erst von Ihnen den Zusammenhang hören muß. Hatten Sie Verdacht auf Hauser in Beziehung auf Schmuggelei oder auf den Waldkönig?«
»Nein. Ich kannte den jungen Mann ja gar nicht.«
»So hat man Ihre Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt?«
»Ja, so ist es.«
»Wann?«
»Heute – oder vielmehr schon gestern, da Mitternacht jetzt bereits vorüber ist.«
»Wer hat das gethan?«
»Fritz Seidelmann.«
»Also doch! Ich hörte davon.«
»Er kam kurz nach Mittag zu mir und zeigte mir einen Brief, welchen Hauser unter dem Namen des Waldkönigs an den hiesigen Kaufmann Strauch geschrieben hat.«
»Ich wußte von diesem Briefe.«
»Ah, das ist nicht nur interessant, sondern sogar sehr wichtig. Wie haben Sie davon erfahren?«
»Hauser selbst hat es mir erzählt.«
»Wirklich? Und Sie haben ihn nicht gewarnt?«
»Es war bereits geschehen. Er hatte Sorge, daß dieser Brief ihm Ungelegenheiten bereiten könne, ich aber habe ihn beruhigt.«
»Hm! Die Ungelegenheiten haben sich doch eingestellt!«
»Sie sind vorübergehend. Man wird nicht im Stande sein, amtlicher Seits ein großes Gewicht auf den Brief zu legen.«
»Ich für meine Person lege allerdings keines darauf.«
»Man muß nur wissen, daß er ihn in einer gewissen Herzensangst geschrieben hat!«
»Ich weiß das.«
»Wie? Sie kennen sein Verhältniß zu Angelica Hofmann?«
»Ja. Sein Vater hat mir davon erzählt, und dann, als ich mit dem Liebespaare nach hier unterwegs war, haben mir Beide genug erzählt, um mich zu der Ueberzeugung zu bringen, daß Eduard Hauser ein braver Bursche ist.«
»Na, endlich!« rief da der Förster. »Sie sehen also ein, daß er brav ist?«
»Ja.«
»Und unschuldig?«
»Ich bin davon überzeugt.«
»So werden Sie ihn augenblicklich aus dem Loche lassen! Der Schlitten, in dem wir ihn holen wollen, wartet unten an der Hausthür.«
Arndt lächelte, und der Staatsanwalt meinte:
»Langsam, mein Lieber! Ich meinerseits bin zwar von seiner Unschuld vollständig überzeugt, aber das genügt doch noch nicht, ihn frei zu lassen.«
»Donnerwetter! Was genügt denn?«
»Beweise.«
»Die stehen hier! Da! Hier sind sie!«
Dabei schlug er sich mit den Fäusten auf die breite Brust, daß es ordentlich tönte.
»Das Gesetz verlangt andere Beweise, mein Bester!«
»Andere? Was für welche denn?«
»Positive!«
»Positive? Was heißt das? Was ist positiv? Bin ich nicht auch positiv? Bin ich etwa ein negativer alter Wunderlich?«
»O nein!« lachte der Staatsanwalt. »Gerade in diesem Augenblicke sind Sie ganz außerordentlich positiv!«
»Das will ich mir auch ausgebeten haben!«
»Aber selbst die positivste Persönlichkeit kann nicht als ein Beweis gelten. Ein Beweis ist etwas ganz Anderes.«
»Nun, was ist ein Beweis denn sonst?«
»Ein Beweis ist die logische und unwiderlegbare Begründung der Wahrheit dessen, was man behauptet hat.«
»Nun, bin ich etwa unlogisch?«
»Nein.«
»Können Sie mir meine Meinung widerlegen?«
»Nein.«
»Also bin ich ein Beweis, ein ganz und gar logischer und unwiderlegbarer Beweis von der Wahrheit meiner Behauptung.«
»Ah, gerade jetzt aber werden Sie unlogisch!«
»Wieso?«
»Eine Behauptung kann sich doch nicht selbst beweisen?«
»Der Teufel mag dieses philosophische Gerede verstehen. Ich weiß, was ich weiß: Der Hauser ist unschuldig und muß aus dem Loche heraus, und sollte ich selbst mich an seiner Stelle hineinstecken lassen! Verstanden?«
»Was würde Mutter Bärbchen dazu sagen?« fragte da Arndt.
»Pah! Die würde sagen: Alter, das hast Du sehr recht gemacht! Ich glaube gar, daß sie mir dann einen Kuß geben würde!«
»Im Loche?«
»Donnerwetter! Wollen Sie mich etwa foppen?«
»Nein, sondern ich will Ihnen nur sagen, daß wir doch wohl gezwungen sein werden, allein nach Hause zurückzukehren.«
»Also ohne den Eduard?«
»Ja. Er muß verhört und abgeurtheilt werden. Das Gesetz schreibt eben gewisse Wege vor.«
»So hole der Teufel Euer Gesetz! Das meinige ist besser! Ich handle schnell und augenblicklich. Warum habe ich den Hauser nicht arretirt? Warum habe ich ihn in Freiheit gelassen?«
»Wie?« fragte der Anwalt. »Hatten Sie denn Veranlassung oder Gelegenheit gehabt, ihn zu arretiren?«
»Er hat sich ja selbst bei mir angezeigt!«
»Als was?«
»Als Holzspitzbube.«
»Ah, das wirft ein
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