Die historischen Romane
und siedend heiß schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Ich war zwar ein Lateiner und kein Grieche, aber bevor diese bestialisierten Lateiner das merkten, würde zwischen mir und einem toten Griechen kein großer Unterschied mehr sein. Ach wo, das ist doch nicht möglich, sagte ich mir, die können doch nicht die größte Stadt der Christenheit zerstören wollen, gerade jetzt, wo sie sie erobert haben ... Dann fiel mir ein, als ihre Vorfahren zur Zeit Gottfrieds von Bouillon in Jerusalem eindrangen, da haben sie ebenfalls alle umgebracht, Frauen, Kinder und Haustiere, obwohl die Stadt anschließend die ihre wurde, und man kann von Glück sagen, dass sie nicht auch das Heilige Grab zerstört haben. Es stimmt zwar, dass es damals Christen waren, die in eine Stadt der Ungläubigen einfielen, aber gerade jetzt auf meiner Reise habe ich erlebt, wie heftig Christen wegen eines kleinen Wörtchens übereinander herfallen können, und bekanntlich streiten sich ja unsere Priester seit Jahren mit euren Priestern über die Frage des Filioque . Und schließlich, da hilft nun mal nichts, wenn Krieger in eine Stadt eindringen, hält keine Religion sie zurück.«
»Was hast du dann also gemacht?«
»Ich habe den Hauseingang verlassen und bin dicht an den Mauern entlang bis zum Hippodrom gegangen. Und dort habe ich die Schönheit verblühen und sterben sehen. Du musst wissen, seit ich mich in der Stadt befinde, bin ich immer wieder dorthin gegangen, um jene Mädchenstatue zu betrachten, ich meine die mit den wohlgeformten Füßen, mit Armen wie Schnee und roten Lippen und mit jenem Lächeln und jenen Brüsten und jenen Kleidern und jenen Haaren, die im Winde zu tanzen schienen, eine Statue, bei der man, wenn man sie von weitem sah, gar nicht glauben mochte, dass sie aus Bronze war, so lebendig wirkte sie, wie aus Fleisch und Bein ...«
»Du meinst die Statue der Helena von Troja. Was ist denn mit ihr geschehen?«
»Binnen weniger Augenblicke sah ich die Säule, auf der sie stand, umstürzen wie ein gefällter Baum, es war eine einzige Staubwolke. In Stücke gebrochen lag der Körper am Boden, wenige Schritte vor mir der Kopf, und da erst bemerkte ich, wie groß die Statue gewesen war. Den Kopf hätte man nicht mit zwei Armen umfassen können, und er starrte mich von der Seite an wie der einer Liegenden, mit waagerechter Nase und senkrechten Lippen, die mir, entschuldige, wie jene vorkamen, welche die Frauen zwischen den Beinen haben, und mit Augen, aus denen die Pupillen herausgesprungen waren, so dass sie plötzlich erblindet schienen – heiliger Jesus, wie diese da!« Er tat einen Satz nach rückwärts, der das Wasser aufspritzen ließ, denn das Licht seiner Fackel war plötzlich auf einen steinernen Kopf gefallen, der, groß wie zehn menschliche Köpfe, unter einer Säule im Wasser lag, auch er auf der Seite, der halb geöffnete Mund noch ähnlicher einer Vulva, anstelle der Haare ein lockenförmiges Schlangengewimmel und das Ganze in einer Totenblässe wie von altem Elfenbein.
Niketas lächelte. »Der befindet sich hier seit Jahrhunderten«, sagte er. »Das ist ein Medusenkopf, davon gibt es hier einige. Ich weiß nicht, woher sie kommen, sie sind von den Baumeistern als Sockel für die Säulen verwendet worden. Du bist etwas schreckhaft ...«
»Ich bin nicht erschrocken, es ist nur ... ich habe dieses Antlitz schon einmal gesehen. Woanders.«
Da Niketas sah, dass Baudolino ein bisschen verwirrt war, wechselte er das Thema. »Ich hatte mir schon gedacht, dass sie die Helena-Statue umstürzen würden.«
»Wenn es nur die wäre. Alle haben sie umgestürzt, alle zwischen dem Hippodrom und dem Forum, jedenfalls alle metallenen. Sie sind hinaufgeklettert, haben ihnen Seile oder Ketten um den Hals gelegt und sie mit zwei oder drei Paar Ochsen zu Boden gerissen. Ich habe alle Wagenlenkerstatuen fallen sehen, eine Sphinx, ein Nilpferd und ein Krokodil aus Ägypten, eine große Wölfin mit Romulus und Remus an den Zitzen und die Statue des Herakles, auch bei der habe ich erst jetzt bemerkt, wie riesig sie war, der Daumen so groß wie die Büste eines normalen Mannes ... Und dann jener bronzene Obelisk mit den vielen Reliefs und der kleinen Frauenfigur auf der Spitze, die sich mit der Windrichtung drehte ...«
»Die Genossin des Windes . Ach, welch ein Jammer! Einige waren Werke antiker heidnischer Bildhauer, noch älter sogar als die der alten Römer. Aber warum nur, warum?«
»Um sie einzuschmelzen. Die erste Regel, wenn man
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