Die historischen Romane
schöner Kunstgriff, durch den der Leser sich in der Romanperson wiederfindet, da er mit ihr die dunkle Angst vor einem feindlichen Bruder teilt. Aber seht, wie auch der Mensch nur eine Maschine ist, bei der es genügt, ein Rädchen an der Oberfläche zu drehen, um andere Räder in ihrem Innern sich drehen zu lassen: Der Bruder und die Feindschaft sind nichts anderes als ein Reflex der Angst, die ein jeder vor sich selber hat, vor den Abgründen seiner eigenen Seele, in denen sich uneingestandene Wünsche verbergen oder, wie man in Paris zu sagen pflegt, dumpfe und unausgedrückte Begriffe. Denn es ist ja bewiesen worden, dass es unmerkliche Gedanken gibt, welche die Seele prägen, ohne dass sich die Seele dessen bewusst ist, heimliche Gedanken, deren Existenz dadurch bewiesen wird, dass ein jeder von uns, sobald er anfängt, sich selbst zu prüfen, sehr bald entdeckt, dass er in seinem Herzen Liebe und Hass und Freude und Leid trägt, ohne sich erinnern zu können, welche Gedanken sie hervorgebracht haben.«
»Demnach steht Ferrante ...«, begann Roberto zögernd, und Saint-Savin schloss: »Demnach steht Ferrante für Eure Ängste und für das, wofür Ihr Euch schämt. Es kommt oft vor, dass die Menschen, um sich nicht einzugestehen, dass sie selbst die Autoren ihres Schicksals sind, dieses Schicksal als einen Roman betrachten, der von einem phantasievollen schurkischen Autor erdacht worden ist.«
»Aber was sollte mir denn dieses Gleichnis bedeuten, das ich mir nach Eurer Meinung ersonnen hätte, ohne mir dessen bewusst zu sein?«
»Wer weiß? Vielleicht habt Ihr Euren Vater nicht so innig geliebt, wie Ihr glaubt, vielleicht habt Ihr die Härte gefürchtet, mit welcher er Euch tapfer und tugendhaft haben wollte, und habt ihm eine Schuld zugeschrieben, um ihn dann nicht mit der Euren, sondern mit der eines anderen zu bestrafen.«
»Monsieur, Ihr sprecht mit einem Sohn, der noch in Trauer über seinen innigst geliebten Vater ist! Ich glaube, es ist eine noch größere Sünde, die Missachtung der Eltern zu lehren als die Missachtung unseres Herrn im Himmel!«
»Eh bien, eh bien, mon cher La Grive! Der Philosoph muss den Mut haben, all die verlogenen Lehren zu kritisieren, die uns eingetrichtert worden sind, und dazu gehört auch die absurde Achtung vor dem Alter, als wäre die Jugend nicht das höchste Gut und die größte Gabe. Seid ehrlich, wenn ein junger Mensch fähig ist, Gedanken zu fassen, Urteile zu treffen und zu handeln, ist er dann nicht besser geeignet, eine Familie zu führen, als ein sechzigjähriger Schwachkopf, dem der Schnee auf dem Schädel die Phantasie hat vereisen lassen? Was wir als Klugheit der Älteren ehren, ist doch nichts anderes als panische Angst vor dem Handeln. Wollt Ihr Euch denen unterwerfen, denen die Faulheit bereits die Muskeln hat erschlaffen, die Arterien verkalken, den Geist verdampfen lassen und denen sie das Mark aus den Knochen saugt? Wenn Ihr eine Frau anbetet, tut Ihr das etwa nicht wegen ihrer Schönheit? Macht Ihr vielleicht Eure Kniefälle weiter, wenn das Alter jenen Leib zu einem Gespenst reduziert hat, das zu nichts anderem mehr taugt, als Euch an den nahen Tod zu erinnern? Und wenn Ihr's bei Euren Geliebten so haltet, warum solltet Ihr's dann nicht auch bei Euren Greisen so halten? Ihr werdet jetzt sagen, dass jener Greis Euer Vater ist und dass Euch der Himmel ein langes Leben versprochen habe, wenn Ihr Euren Vater ehret. Aber wer hat das gesagt? Das haben hebräische Greise gesagt, die begriffen hatten, dass sie in der Wüste nur überleben konnten, wenn sie die Frucht ihrer Lenden ausbeuteten. Wenn Ihr glaubt, der Himmel lasse Euch auch nur einen einzigen Tag länger leben, weil Ihr Eures Vaters Lämmchen gewesen seid, täuscht Ihr Euch. Glaubt Ihr, ein ehrerbietiger Gruß, der Eure Hutfeder über die Füße Eures Erzeugers streifen lässt, kann Euch von einem bösartigen Abszess kurieren oder eine Degenstichwunde vernarben lassen oder Euch von einem Stein in der Blase befreien? Wenn dem so wäre, würden die Ärzte nicht ihre ekligen Tränke verordnen, sondern würden Euch, um Euch von der italienischen Krankheit zu heilen, vor dem Essen vier tiefe Verbeugungen vor Eurem Herrn Vater und vor dem Schlafengehn einen Kuss auf die Wange Eurer Frau Mutter verschreiben. Ihr werdet sagen, ohne jenen Vater wäret Ihr nicht auf die Welt gekommen, so wie er nicht ohne den seinen und so weiter bis hin zu Melchisedek. Aber er ist es, der Euch etwas schuldet, nicht Ihr
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