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Die historischen Romane

Die historischen Romane

Titel: Die historischen Romane Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Umberto Eco
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ihm: Ihr zahlt mit vielen Jahren der Trauer dafür, dass er einen Moment angenehmen Kitzels hatte.«
    »Ihr glaubt nicht an das, was Ihr sagt.«
    »Da habt Ihr recht. Fast nie. Aber der Philosoph ist wie der Dichter. Dieser komponiert ideale Buchstaben für eine ideale angebetete Nymphe, nur um mit dem Wort die Abgründe der Leidenschaft auszuloten. Jener stellt die Kühle seines Blicks auf die Probe, um zu sehen, wie weit man die Festung der Frömmelei ankratzen kann. Ich will nicht, dass Ihr ablasst, Euren Vater zu achten, denn er hat Euch, wie Ihr mir sagtet, gute Lehren erteilt. Aber wühlt Euch nicht so in Euren Schmerz hinein. Ich sehe Tränen in Euren Augen ...«
    »Oh, das ist kein Schmerz. Das muss die Verletzung an der Schläfe sein, die meine Augen geschwächt hat ...«
    »Trinkt Kaffee.«
    »Kaffee?«
    »Ich schwöre Euch, er wird bald in Mode sein. Er ist ein Allheilmittel. Ich werde Euch welchen besorgen. Er trocknet die kalten Säfte aus, vertreibt die Winde, stärkt die Leber, ist ein vorzügliches Mittel gegen die Wassersucht und die Krätze, erfrischt das Herz und verschafft Erleichterung bei Magengrimmen. Seine Dampfschwaden helfen genau bei Triefaugen, bei Ohrensausen und bei Nasenschleimhautentzündung, auch Erkältung oder Schnupfen genannt. Und dann begrabt zusammen mit Eurem Vater auch diesen ungemütlichen Bruder, den Ihr Euch ausgedacht habt. Und vor allem, sucht Euch eine Liebschaft.«
    »Eine Liebschaft?«
    »Das ist noch besser als Kaffee. Durch das Leiden wegen einer lebenden Person werdet Ihr den Schmerz über eine tote lindern.«
    »Ich habe noch nie eine Frau geliebt«, gestand Roberto errötend.
    »Ich habe nicht von einer Frau gesprochen. Es könnte auch ein Mann sein.«
    »Monsieur de Saint-Savin!«, rief Roberto.
    »Man sieht, dass Ihr vom Lande kommt.«
    Aufs peinlichste berührt, bat Roberto, ihn zu entschuldigen, seine Augen schmerzten nun doch zu sehr; und so machte er jener Begegnung ein Ende.
     
    Um sich jedoch auf all das, was er gehört hatte, einen Reim zu machen, sagte er sich, dass Saint-Savin ein Spiel mit ihm getrieben hatte: Wie in einem Duell hatte er ihm zeigen wollen, was für Stöße und Hiebe man in Paris kannte. Und Roberto hatte sich als Tölpel aus der Provinz erwiesen. Und mehr noch, indem er jene Reden ernst genommen, hatte er sich versündigt, was nicht geschehen wäre, hätte er sie als ein Spiel durchschaut. Er stellte eine Liste aller Sünden auf, die er begangen hatte, indem er jenen Reden gegen den Glauben, gegen die guten Sitten, gegen den Staat und die Achtung vor der Familie zugehört hatte. Und während er so an seine Verfehlungen dachte, überfiel ihn jäh eine andere Angst: Ihm wurde bewusst, dass sein Vater mit einem Fluch auf den Lippen gestorben war.

 
    9
    DAS ARISTOTELISCHE FERNROHR
     
    S o war er am nächsten Tag erneut in die Kathedrale gegangen, um zu beten. Er hatte vor allem Kühlung gesucht, denn an jenem Nachmittag Anfang Juni brannte die Sonne schon heiß in den halbverlassenen Straßen (so wie sie es jetzt auf der Daphne tat, er fühlte, wie die Hitze sich über der Bucht ausbreitete und ungehindert durch die Schiffsplanken eindrang, als wäre das Holz schon verglüht). Aber er hatte auch das Bedürfnis verspürt, sowohl seine wie seines Vaters Sünden zu beichten. Er hatte einen Geistlichen in der Kirche angesprochen, und der hatte zwar zuerst abwehrend gesagt, er gehöre nicht zu dieser Pfarrei, doch vor dem Blick des jungen Mannes hatte er schließlich nachgegeben und sich in einen Beichtstuhl gesetzt, um den Bußwilligen anzuhören.
    Pater Emanuele konnte noch nicht sehr alt sein, er mochte vielleicht vierzig Jahre zählen und war, in Robertos Worten, »rund und rosig im würdevollen und liebenswerten Gesicht«, und so sah sich Roberto ermutigt, ihm all seine Kümmernisse anzuvertrauen. Als erstes sprach er von der Gotteslästerung des Vaters. War sie ein ausreichender Grund dafür, dass der Vater jetzt nicht in den Armen des Himmlischen Vaters ruhte, sondern am Grund der Hölle schmorte? Der Beichtvater stellte Roberto einige Fragen und brachte ihn dazu einzuräumen, dass auch zu jeder anderen Zeit, gleich, wann der alte Pozzo gestorben wäre, gute Aussichten dafür bestanden hätten, dass er den Namen des Herrn gerade unnütz im Munde führte: Das Fluchen war eine von den Bauern übernommene schlechte Angewohnheit, und es galt unter den Landadligen im Monferrat als ein Zeichen der Lässigkeit, in Gegenwart von

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