Die Libelle
ihm, sein glattrasierter Gefährte saß hingebungsvoll an seiner Seite, und während seine Stimme auf Band im Hinterhof triumphierend fortfuhr, sah sie, wie Michels Lippen sich langsam bewegten und versuchten, mit den Worten Schritt zu halten. Aber die Stimme war für ihren Besitzer zu schnell, zu kräftig. Allmählich gab er den Versuch auf und setzte statt dessen ein einfältiges Entschuldigungslächeln auf, das sie an ihren Vater nach seinem Schlaganfall erinnerte. » Gewalttaten sind kein Verbrechen… sofern sie gegen die Gewaltausübung eines Staats gerichtet sind… den der Terrorist für verbrecherisch hält. « Papierrascheln, als er eine Seite umblätterte. Die Stimme bekam etwas Verwirrtes und Unwilliges. »Ich liebe dich… du bist meine Freiheit … Jetzt bist du eine von uns… Unsere Körper und unser Blut haben sich vermischt… du gehörst mir… bist mein Soldat… bitte, warum sage ich dies? Zusammen werden wir Feuer an die Lunte legen.« Verwirrtes Schweigen. »Bitte, Sir. Was ist dies? Ich frage Sie.«
»Zeig ihr seine Hände«, befahl Kurtz, nachdem er das Tonband abgestellt hatte.
Sofort nahm der Glattrasierte eine von Michels Händen, öffnete sie und zeigte sie ihr wie ein Warenmuster.
»Solange er im Lager lebte, waren sie hart von der Handarbeit«, erklärte Kurtz, der durch den Raum zu ihnen kam. »Jetzt ist er ein großer Intellektueller. Viel Geld, viele Mädchen, gutes Essen, ein angenehmes Leben. Stimmt’s nicht, Bürschchen?« Er näherte sich dem Sofa von hinten und legte seine dicke Hand mit der Fläche auf Michels Kopf, er drehte ihn herum, so dass er ihn ansah. »Du bist ein großer Intellektueller, stimmt’s?« Seine Stimme war weder grausam noch spöttisch. Als redete er seinem eigenen, auf die schiefe Bahn geratenen Sohn ins Gewissen - und hatte dabei auch denselben Ausdruck zärtlicher Zuneigung im Gesicht. »Du kriegst deine Mädchen dazu, dir die Arbeit zu machen, nicht wahr, Bürschchen? Ein Mädchen hat er regelrecht als Bombe benutzt«, erklärte er für Charlie bestimmt. »Hat sie mit hübsch aussehendem Gepäck in ein Flugzeug gesetzt - die Maschine flog in die Luft. Ich nehme an, sie hat nicht einmal gewusst, dass sie es getan hat. So was gehört sich nicht, weißt du das, Bürschchen? So was gehört sich wirklich nicht einer jungen Dame gegenüber.«
Sie erkannte den Geruch, den sie anfangs nicht hatte unterbringen können: es war die After-Shave-Lotion, die Joseph in jedem Schlafzimmer hingestellt hatte, das sie nie gemeinsam benutzt hatten. Sie mussten ihn für diesen Anlass damit eingerieben haben.
»Möchtest du dieser Dame nicht etwas sagen?« fragte Kurtz. »Möchtest du sie nicht in unserer Villa hier willkommen heißen? Ich frage mich allmählich, warum du nicht mehr mit uns zusammenarbeitest!« Allmählich wurden unter seinem eindringlichen Blick Michels Augen wach, und sein Körper richtete sich gehorsam ein wenig auf. »Willst du diese hübsche Dame nicht artig begrüßen? Willst du ihr nicht guten Tag sagen? Guten Tag? Willst du ihr nicht guten Tag sagen, Bürschchen?«
Selbstverständlich tat er es: »Guten Tag«, sagte Michel mit derselben Stimme wie auf dem Tonband, nur hatte sie allen Schwung verloren.
»Nicht antworten«, warnte Joseph sie leise neben ihr. »Guten Tag, Madame! heißt das.« Kurtz bestand ohne jede Böswilligkeit darauf.
»Madame«, sagte Michel.
»Lass ihn etwas schreiben«, befahl Kurtz und ließ ihn los. Sie setzten ihn an einen Tisch und legten einen Federhalter und ein Stück Papier vor ihn, aber er brachte nicht viel zuwege. Doch das machte Kurtz nichts aus. Sehen Sie, wie er den Federhalter hält, sagte er. Sehen Sie, wie seine Finger ganz natürlich die Haltung für die arabische Schrift annehmen. »Möglich, dass Sie mal mitten in der Nacht aufgewacht sind und ihn dabei ertappt haben, wie er seine Abrechnung machte. Verstanden? So hat er dabei ausgesehen.«
Sie sprach mit Joseph, doch nur in Gedanken. Bring mich hier raus! Ich glaube, ich sterbe. Sie hörte, wie Michels Füße gegen die Treppe schlugen, als sie ihn hinauf und außer Hörweite brachten, doch Kurtz ließ ihr keine Atempause, genauso wenig wie sich selbst. »Charlie, wir haben noch einen Auftritt vor. Ich glaube, wir sollten das sofort hinter uns bringen, selbst wenn es ein bisschen Überwindung kostet. Manche Sachen müssen einfach gemacht werden.« Im Wohnzimmer war es sehr still, einfach eine Wohnung irgendwo. An Josephs Arm folgte sie Kurtz nach
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