Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Die Libelle

Die Libelle

Titel: Die Libelle Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: John le Carré
Vom Netzwerk:
zu machen als zuvor.
    Die untere Wohnung war so ziemlich die gleiche wie die obere, nur dass es hier keinen Balkon und keinen Gefangenen gab, und manchmal gelang es ihr, wenn sie las oder etwas hörte, sich einzureden, überhaupt niemals oben gewesen zu sein - ›oben‹ , das war eine Schreckenskammer in den dunklen Winkeln ihres Geistes. Dann hörte sie wohl durch die Decke, wie eine Kiste dumpf auf den Boden fiel, denn die jungen Leute packten ihre Fotoausrüstung zusammen und bereiteten sich überhaupt auf das Ende ihres Aufenthalts vor; dann musste sie sich eingestehen, dass ›oben‹ genauso wirklich war wie ›unten‹ : wirklicher sogar, denn die Briefe waren Fälschungen, wohingegen Michel aus Fleisch und Blut bestand. Sie saßen im Kreis, alle drei, und Kurtz begann mit einer seiner Vorreden. Allerdings sprach er jetzt wesentlich klarer als sonst und längst nicht so weitschweifig. Vielleicht lag das daran, dass sie jetzt eine erprobte Mitkämpferin war, eine Veteranin, »die schon darauf verweisen kann, einen ganzen Sack erregender neuer Erkenntnisse beigesteuert zu haben«, wie er es ausdrückte. Die Briefe lagen in einer Aktenmappe auf dem Tisch, und ehe er sie aufmachte, wies er sie nochmals auf die ›Fiktion‹ hin, ein Wort, das er mit Joseph gemein hatte. Die Fiktion bestehe darin, dass sie nicht nur eine leidenschaftliche Geliebte sei, sondern auch eine leidenschaftliche Briefschreiberin, die während Michels langer Abwesenheiten kein anderes Ventil hatte. Während er dies noch einmal erklärte, zog er ein Paar billiger Baumwollhandschuhe an. Die Briefe seien in ihrer Beziehung also keinesfalls etwas Nebensächliches; sie stellten »die einzige Stelle dar, wo Sie Ihrem Herzen Luft machen konnten, meine Liebe«. Aus ihnen gehe nicht nur - oft mit entwaffnendem Freimut - ihre zunehmend besessene Liebe zu Michel hervor, sondern auch ihr politisches Wiedererwachen und ihre Hinwendung zu einem »globalen Aktivismus«, für den die »Verkuppelung« sämtlicher anti-repressiver Kämpfe überall auf der Welt selbstverständlich waren. Zusammengenommen enthielten sie das Tagebuch eines »emotional und sexuell erregten Menschen«, aus dem ihre fortschreitende Entwicklung von einer vagen Protesthaltung zu Massenaktivitäten abzulesen sei, die auch offene Gewalt nicht ausdrücklich ausschlossen.
    »Und da wir uns unter den gegebenen Umständen nicht darauf verlassen konnten, dass Sie uns mit der ganzen Vielfalt Ihrer literarischen Ausdrucksweise bekannt machen würden«, fügte er noch hinzu, als er die Aktenmappe aufmachte, »haben wir beschlossen, die Briefe für Sie zu verfassen.«
    Natürlich, dachte sie. Sie warf einen Seitenblick auf Joseph, der aufrecht und ungewöhnlich harmlos dasaß, die Hände tugendhaft zwischen den Knien eingeklemmt, wie jemand, der im Leben keiner Fliege etwas zuleide getan hatte.
    Sie steckten in zwei braun eingewickelten Päckchen, von denen das eine wesentlich größer war als das andere. Kurtz wählte das kleinere aus und machte es mit seinen behandschuhten Fingerspitzen unbeholfen auf, er breitete die Papiere flach vor sich aus. Sie erkannte die schwarze Schuljungen-Schrift von Michel. Dann wickelte Kurtz das zweite Päckchen aus, und es war wie ein Wirklichkeit gewordener Traum, als sie die Handschrift als ihre eigene erkannte. »Michels Briefe an Sie sind Fotokopien, meine Liebe«, sagte Kurtz gerade; »die Originale warten in England auf Sie. Aber bei Ihren eigenen Briefen handelt es sich um die Originale, sie gehören also Michel, nicht wahr, meine Liebe?«
    »Natürlich«, sagte sie, diesmal laut, und blickte dabei instinktiv zu Joseph hinüber, diesmal freilich besonders auf seine zwischen den Knien festgeklemmten Hände, denen soviel daran gelegen war, jede Mitwirkung von sich zu weisen.
    Michels Briefe las sie zuerst, denn sie hatte das Gefühl, ihm diese Aufmerksamkeit schuldig zu sein. Es waren ein Dutzend, es waren freimütig sinnliche und leidenschaftliche Briefe darunter, bis hin zu kurzen und im Befehlston gehaltenen. »Sei so lieb und nummeriere Deine Briefe. Wenn Du sie nicht nummerierst, schreib gar nicht erst. Ich kann Deine Briefe nicht genießen, wenn ich nicht weiß, ob ich sie alle erhalte. Dies zu meiner persönlichen Sicherheit.« Zwischen Absätzen, in denen er sich geradezu ekstatisch über ihre Schauspielerei ausließ, kamen trockene Ermahnungen, nur »gesellschaftlich relevante Rollen zu spielen, die bewußtseinerweckend wirken«. Gleichzeitig

Weitere Kostenlose Bücher