Die Treppe im See: Mystery-Thriller (German Edition)
das für Eltern, die ihr Kind hinter einer Kellerwand versteckten? Ein Zimmer ohne Fenster, ohne natürliches Licht?
Unvermittelt kam mir die Weihnachtsfeier bei Adam in den Sinn, als ich mich am Buffet mit Ira Stein unterhalten hatte. Klar und deutlich hörte ich ihn sagen: Die Dentmans waren eine recht eigentümliche Familie, wie Sie vielleicht schon erfahren haben. Nicht dass ich schlecht über diese bedauernswerten Leute sprechen möchte, vor allem nach dem, was ihnen passiert ist.
»Du solltest runterkommen und dir das ansehen«, forderte ich Jodie gleich nach ihrer Rückkehr auf. Es war halb sechs und vorzeitig finster geworden. Ich hatte den ganzen Tag mit dem Durchsuchen von Elijah Dentmans Sachen verbracht.
Jodie sah müde aus, als sie ihre Bücher und Tasche auf dem Küchentisch ablegte. Sie beäugte mich wie jemanden, der ihr in einer dunklen Gasse auflauerte, während sie sich ein Bier aus dem Kühlschrank nahm. »Erzähl mir nicht, du hast noch mehr Handabdrücke an den Wänden entdeckt.«
Es klang keine allzu subtile Verurteilung in ihrer Stimme.
»Besser«, antwortete ich.
»Hast du dich heute geduscht? Du siehst richtig brutal aus.«
»Komm schon«, sagte ich und machte mich auf den Weg den Flur hinunter Richtung Kellertür. »Sieh es dir mal an.«
Sie folgte mir.
»Hier lebte mal ein kleiner Junge«, erklärte ich von unten hinauf, während Jodie matt die Stufen herabstieg. »Elijah hieß er. Seine Mutter und ihr Bruder brachten ihn mit, als sein Großvater erkrankte.« Dass der Knabe im See hinterm Haus ertrunken war, sparte ich bewusst aus. Als sie den Fuß der Treppe erreichte, ergriff ich ihre Hand und führte sie eilig zur Geheimtür. »Du wirst es nicht glauben, aber ich schätze, ich habe das Zimmer des Jungen gefunden.«
Wir standen Schulter an Schulter in der Wandöffnung zu Elijah Dentmans Raum wie ein Paar an einer U-Bahn-Haltestelle. Ich lachte, weil mich dieser nahezu archäologische Fund nach wie vor verblüffte, und trat schließlich erneut ein, indem ich die Kisten umging, die ich nach dem Sichten willkürlich verstreut stehen gelassen hatte.
Jodie verharrte am Eingang. Ihre Miene zeugte von vollkommener Verständnislosigkeit. Nein, nicht bloß das, sondern vor allem Fassungslosigkeit . Flüchtig wollte ich mir weismachen, dass ich ähnliche Szenen in meinen Büchern wirklichkeitstreu ausgearbeitet hatte.
»Sieh dir dieses Loch an«, sprach ich. »Die haben das arme Kind hier wie einen Gefangenen gehalten.«
Langsam hob Jodie eine Hand und hielt sich den Mund zu. Ihr Teint hatte die Farbe saurer Milch angenommen.
»Es war, als hätte ich einen Luftschutzbunker ausgehoben oder eine Zeitkapsel, oder irgendetwas nach einem nuklearen Holocaust.«
»Wie … hast du das gefunden?«
»Im Weg stand ja nichts weiter als die Gipswand. Ich drückte dagegen, und sie sprang wie die Grabkammer irgendeines verwunschenen Pharaos auf.« Ich winkte sie herein. »Komm und wirf einen Blick hierauf.«
»Nein.« Sie bewegte sich nicht von der Stelle.
»Wieso?«
»Komm raus. Das gefällt mir nicht.«
»Wovon redest du? Ist das nicht total irre?«
»Genau, das ist es.«
Ich tippte die Plastikkiste, in der das Holzspielzeug lag, mit dem Fuß an. »Als ich klein war, hatte ich die gleichen Bauklötze.«
»Schön für dich. Jetzt komm da bitte raus.«
Wie ich sie vor der Tür beziehungsweise Wand sah, kam sie mir mit einem Mal meilenweit weg vor, als schwebe sie in einer anderen Dimension.
Ich beobachtete sie auf der anderen Seite des Eingangs – eigentlich an der anderen Seite der Wand –, und wegen der ganzen Distanz zwischen uns, hatte ich plötzlich das Gefühl mich in einem alternativen Universum zu befinden. Es war nur temporär und als es sich verabschiedete ging ich zu ihr und rubbelte ihr über die Arme.
Jodie schaute mich an, doch ihr Blick wirkte abwesend und nicht scharf, als bestünde ich aus Rauch, den sie glatt durchschauen konnte.
»Hey«, sagte ich. »Was ist los mit dir?« Die Antwort dämmerte mir sofort, und mein dämliches Grinsen verging. »Du weißt von Elijah und dass er hier gestorben ist. Deswegen hast du Schiss. Das ist es doch, nicht wahr?«
Meine Worte stießen sie vor den Kopf – sie hatte von ihm erfahren, aber nicht erwartet, dass auch ich eingeweiht war. Ehe ich ihren Gesichtsausdruck gänzlich interpretieren konnte, wandte sie sich ab. Er war nicht stark genug, um ihre Gefühle preiszugeben, aber er veranlasste mich dazu, ihre Arme
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