Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Dracula - Stoker, B: Dracula

Dracula - Stoker, B: Dracula

Titel: Dracula - Stoker, B: Dracula Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Bram Stoker
Vom Netzwerk:
lieben Lucy wieder besser geht. Ich glaube wirklich, sie ist über den Berg und wird auch ihre Albträume überwunden haben. Vollends glücklich wäre ich, wenn ich wüsste, ob Jonathan … Gott segne und behüte ihn.
     
    11. August, 3 Uhr morgens
    Wieder zum Tagebuch – da ich nicht schlafen kann, will ich schreiben. Ich bin zu erregt, um schlafen zu können. Wir haben gerade ein schreckliches Erlebnis hinter uns. Nachdem ich mein Tagebuch gestern geschlossen hatte, bin ich sofort eingeschlafen … Aber plötzlich war ich wieder hellwach, fand mich im Bett sitzend und von einer schrecklichen Angst und dem Gefühl der Einsamkeit erfasst. Das Zimmer war so dunkel, dass ich Lucys Bett nicht sehen konnte. Ich schlich mich daher hinüber und tastete nach ihr – ihr Bett war leer. Ich machte Licht und stellte fest, dass sie nicht mehr im Zimmer war. Die Tür war zu, aber nicht verschlossen; dabei hatte ich dies doch gewissenhaft besorgt, bevor wir uns zur Ruhe legten. Ihre Mutter wollte ich |135| nicht wecken, da sie in letzter Zeit wieder leidender ist, und so zog ich einige Kleidungsstücke an und machte mich allein auf die Suche. Bevor ich das Zimmer verließ, kam ich auf die Idee, dass vielleicht die Kleider, die sie trug, mir einen Anhaltspunkt für ihr Verschwinden geben könnten. Der Morgenrock würde bedeuten, dass ich sie im Hause, Straßenkleider, dass ich sie außerhalb suchen müsste. Sowohl der Morgenrock als auch die Straßenkleider befanden sich auf ihren üblichen Plätzen. »Gott sei Dank«, sagte ich mir, »weit kann sie also nicht sein, da sie nur im Nachthemd ist.« Ich rannte hinunter und sah im Wohnzimmer nach. Hier war sie nicht. Dann suchte ich alle offenen Räume des Hauses ab, wobei mir eine beständig wachsende Angst das Herz zusammenschnürte. Endlich kam ich an das Haustor und fand es offen. Es war nicht weit geöffnet, sondern angelehnt, und das Schloss war nicht eingeschnappt. Da die Hausbewohner sorgfältig darauf bedacht sind, das Tor zur Nacht zu schließen, musste ich befürchten, dass Lucy im Nachthemd fortgegangen war. Ich malte mir nicht einmal aus, was alles geschehen könnte, eine allgemeine, überwältigende Angst ließ mich kaum denken. Hastig warf ich mir einen großen, warmen Schal um und stürzte davon. Die Glocke schlug eben eins, als ich am Crescent ankam, keine Seele war auf der Straße. Ich eilte die North Terrace entlang, fand aber keine Spur der weißen Gestalt, nach der ich suchte. Vom Rand des West Cliffs aus, gerade über dem Pier, sah ich über den Hafen und zum East Cliff hinüber, in der Hoffnung oder Furcht – was es war, weiß ich nicht –, Lucy auf unserem Lieblingsplätzchen zu entdecken. Der helle Vollmond wurde hin und wieder durch schwere, jagende Wolken verhüllt, sodass die ganze Szenerie abwechselnd im Licht oder in Finsternis lag. Im ersten Moment konnte ich nichts erkennen, da gerade der Schatten einer Wolke die St. Mary’s Church und alles Umliegende verdunkelte. Während die Wolke vorüberzog, strich ein schmaler Lichtstreifen über die Ruine der Abtei hinweg, und die Kirche wurde samt Friedhof nach und |136| nach sichtbar. Was immer ich auch erwartet haben mochte, meine Erwartung wurde nicht enttäuscht, denn dort, auf unserem Lieblingssitz, sah ich eine vom Mondlicht hell beschienene, halb zurückgelehnte, schneeweiße Gestalt. Zu schnell jedoch schob sich schon wieder eine Wolke vor den Mond, als dass ich Genaueres hätte erkennen können. Augenblicklich herrschte wieder tiefe Finsternis, und dennoch vermeinte ich im letzten hellen Moment etwas Dunkles hinter der weißen Gestalt auf der Bank gesehen zu haben, das im Begriff schien, sich über diese zu beugen. Was es gewesen sein mochte, ob ein Mensch oder ein Tier, konnte ich nicht erkennen. Ich wartete nun auch nicht mehr ab, bis ein neuer Lichtschein das Dunkel erleuchtete, sondern ich stürmte die Treppen hinab zum Pier und am Fischmarkt vorbei zur Brücke – der einzige Weg, auf dem von hier aus das East Cliff zu erreichen war. Die Stadt lag wie tot, kein Mensch war zu sehen; was mir allerdings nicht unrecht war, denn niemand sollte etwas von Lucys Leiden erfahren. Die Zeit und die Entfernung schienen mir unermesslich lang; meine Knie zitterten und das Atmen wurde mir schwer, als ich die endlosen Stufen zur Abtei hinaufsprang. Ich muss sehr rasch gelaufen sein, dennoch kam es mir vor, als wären meine Füße aus Blei und meine Gelenke eingerostet. Als ich auf der Höhe angelangt war,

Weitere Kostenlose Bücher