Elben Drachen Schatten
schüttelte den Kopf. »Nein, ich fürchte, mein Sohn hat schon längst die Kontrolle über sein eigenes Reich verloren.« Tiefe Traurigkeit schwang in den Worten des Königs mit. Eine Traurigkeit, die durch den Anblick des unvorstellbar grausigen Schlachtfelds im Hof der Manufaktur noch genährt wurde. »Lasst uns diesen furchtbaren Ort nach einzelnen Bolzen absuchen, die nicht abgeschossen wurden«, sagte er düster, obwohl ihm bewusst war, dass sie dadurch kaum gerettet werden konnten. Alles hing von Andir ab, der unbewegt und starr wie eine Statue in der Mitte des Hofs stand, die Arme erhoben, die Augen geschlossen und völlig in Konzentration versunken. Wenn seine Kräfte erlahmten, waren sie alle dem Untergang geweiht.
Thamandor fand die blutige Lederschärpe eines zerstückelten Einhandschützen. Drei Bolzen, die der Elbenkrieger nicht mehr hatte abschießen können, steckten noch in den Schlaufen. Der Waffenmeister nahm sie heraus. Das Blut des Getöteten troff dabei zu Boden. Thamandor lud seine beiden Einhandarmbrüste und gab den dritten blutigen Bolzen an Keandir weiter, sodass dieser damit die Waffe laden konnte, die er gerade vom Boden aufgehoben hatte.
Hier und dort fanden der König und seine Getreuen sowohl weitere Einhandarmbüste als auch Bolzen. Viele waren es nicht; kaum mehr als ein Dutzend Schuss waren auf diese Weise möglich. Keandir schickte Siranodir mit den zwei Schwertern aus, um einen Teil der Bolzen zu Hauptmann Yintaril auf den Hauptturm zu bringen.
Die Katzenkrieger auf ihren Riesenfledertieren hatten den ersten Schrecken über das Eingreifen des Elbenmagiers inzwischen verwunden, und ein Teil von ihnen startete einen blindwütigen Angriff auf die festungsähnliche Manufaktur. Der Regen verhinderte, dass sie ihre Fackeln entzünden oder ihre Flammendämonen mit Brandpfeilen ausschicken konnten. Sie versuchten es zwar, aber mehr als ein kurzes Aufflackern hier und dort war nicht zu sehen.
Stattdessen setzten sie alles daran, mit ihren Fledertieren im Hof der Manufaktur niederzugehen. Pfeile wurden auf sie abgeschossen. Kamen die Riesenfledertiere näher, so beeinflusste Andir mental ihre Reiterbesatzungen und veranlasste sie, ihre Waffen gegen ihre eigenen Reittiere zu richten. Dann schlugen und hackten sie auf die Fledertiere ein, auf denen sie selbst saßen, und schafften sie es, ihnen eine entscheidende Verletzung zuzufügen, stürzten sie mit ihnen in die Tiefe. Fauchen, Zischen und schrilles, kaum erträgliches Geschrei mischten sich mit den Rauschen des Regens.
Keandir schoss eines der Fledertiere mit seiner Einhandarmbrust ab. Der Giftbrand tötete und verformte es, während das Tier mitsamt seiner Besatzung unter gellenden Todesschreien in die Tiefe trudelte.
»Sollten wir unsere Bolzenmunition nicht besser zurückhalten?«, fragte Prinz Sandrilas. Sein Blick ging dabei zu Andir herüber, der mittlerweile auf die Knie gesunken war. Er zitterte. Noch immer hielt er die Arme zum Himmel erhoben und hatte die Augen geschlossen. Es war unverkennbar, dass er am Ende seiner Kräfte war: Sein Gesicht wirkte eingefallen, die Haut pergamentartig, das tiefschwarze Haar war zu einem dunklen Grau geworden und wurde immer heller. Er setzte inzwischen mehr ein als nur seine magischen Kräfte, begriff Keandir, und diese Erkenntnis versetzte ihm einen Stich. Andirs geistiges Reservoir war verbraucht, und er griff auf seine Lebensenergie zurück!
»Schießt eure Bolzen ab! Wir müssen Andir entlasten!«, rief der König. Er entriss Thamandor dessen Waffen und schoss damit auf ein sich näherndes Riesenfledertier, das er zielsicher traf und tötete. Seinem Sohn ersparte er damit die Notwendigkeit, die Seelen der Katzenkrieger zu beeinflussen, damit die auf ihr Reittier einhackten.
Der König wandte sich zu seinem Sohn um.
» Andir! Lass mich dir helfen!«, sandten seine Gedanken. » Nimm meine Kraft!«
Die Antwort ernüchterte den Elbenkönig.
» Nicht deine Finsternis …«
8. Kapitel
Sechshundert Einhandschützen
Königin Ruwen war lange vor Morgengrauen erwacht. Die Angst um Keandir hatte sie geweckt und die plötzliche Erkenntnis, dass er in Gefahr war. Kurz danach hatten die Hörner auch das restliche Elbenhaven aus dem Schlag gerissen: Die Armada der Fledertiere, die in der Ferne durch die Lüfte zog, war von den Wächtern erspäht worden.
Ruwen stand auf dem Ostturm der Burg Elbenhaven. Bei ihr war Lirandil, der uralte, in Athranor geborene Fährtensucher, der wieder einmal
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