Elben Drachen Schatten
träumte jede Nacht von dem weißhaarigen Magier, der zu ihr sprach und ihr ins Gewissen redete.
Großkönig Magolas aber sagte seiner Frau, dies wären nur Spiegelungen ihrer eigenen Seele, die bald verstummen würden. So versuchte Larana diese Eindrücke in ihrem Herzen zu verschließen. Aber längst ging ein Riss durch ihre Seele.
»Was habe ich getan?«, sprach sie in ihrer Verzweiflung in den Wind, der des Nachts über die Türme von Aratania fegte und die Wellen des Zwischenländischen Meeres hoch aufpeitschte. »Um mein Leben zu verlängern ist mein Gemahl vom mächtigsten Herrscher in der Geschichte der Rhagar zum Sklaven der Dunkelheit herabgesunken, und meine Kinder wurden dem Bösen überantwortet. Viel zu lange habe ich meine eigene Sucht nach Leben über das Wohl derer gestellt, die ich liebe!«
»So lasst einfach zu, dass das Richtige geschieht!«, antwortete ihr die Stimme des Weißhaarigen. Immer wieder hallten diese Worte in ihrem Kopf wider.
»Dann kommt und tut, was Ihr wahrscheinlich ohnehin tun würdet!«, sprach Larana. »Nehmt die Kinder und lasst sie an einem Ort aufwachsen, den der Schatten Xarors nicht verdunkelt. Einem Ort, den ich nicht kenne, denn ich würde ihn verraten. Ihr seid Magolas’ Bruder und übernehmt damit eine Pflicht, die zu erfüllen mein Gemahl nicht in der Lage ist, weil ihn die Liebe zu mir so blind gemacht hat wie mich die Sucht nach dem Leben.«
»Ihr erkennt die Notwendigkeit der Lage«, antwortete Andirs Gedankenstimme. »Aber ahnt Ihr die Konsequenzen? Es wird unweigerlich zum letzten Kampf zwischen meinem Bruder und mir kommen. Und vielleicht – wahrscheinlich - wird einer von uns dabei sterben.«
»Ich könnte nichts tun, was Magolas schadet, denn ich liebe ihn. Aber im Moment lasse ich zu, dass meinen Kindern Schaden zugefügt wird, und sie liebe ich ebenfalls. Es scheint, als würde es kein Entrinnen aus dieser Falle des Schicksals geben, in die ich geraten bin.«
»Ich werde Magolas schonen, sofern er mir die Möglichkeit dazu lässt«, sagte Andir.
»Ist dies ein Schwur?«
»Ein Versprechen.«
»Im Grunde seines Herzens ist er gut. Ein guter Gemahl, ein guter König und ein guter Vater seiner Kinder. Aber die Mächte, die er zu Hilfe rief, um mein Leben zu verlängern, halten ihn in einem eisernern Griff.«
»Das weiß ich.«
»Nur dieses grausame Schicksal lässt ihn so handeln!«
»Auch das ist mir bewusst.«
Larana schluchzte. Schließlich sprach sie: »So wartet, um die Kinder zu holen, bis Magolas das nächste Mal unterwegs ist zum Tempel der Sechs Türme.«
Das Buch Magolas
1. Kapitel
Assassinen
Andir erreichte die Grenze zwischen Norien und dem Reich des Seekönigs. Die Wächter ließen ihn anstandslos passieren, obwohl er allein durch seine Kleidung und seine sonstige äußere Erscheinung schon recht auffiel. Das weiße, leicht schimmernde Gewand aus Elbenzwirn wies ebenso wie die spitzen Ohren und die schräg gestellten Augenbrauen auf seine elbische Herkunft hin, und es war in diesen Zeiten äußerst ungewöhnlich, dass ein Elb die Grenze zum Magolasischen Reichs überquerte. Abgesehen vom Herrscher selbst gab es keine Elben im Reich des Großkönigs. Vor langer Zeit allerdings – lang nach Maßstäben der Rhagar, und kaum noch einer der Menschen erinnerte sich daran – hatte Magolas einen kleinen Kreis von elbischen Beratern im Palast von Aratan geduldet, doch dieser Kreis war im Verlauf der Jahrzehnte immer mehr zusammengeschmolzen; einzelne waren entweder in Ungnade gefallen oder hatten selbst um die Entlassung aus dem Dienst des Großkönigs gebeten, da sie ihm nicht mehr folgen mochten. Die Heilerin Nathranwen, einst jahrzehntelang um die Lebensverlängerung Laranas bemüht und später die Geburtshelferin der Zwillinge Daron und Sarwen, war eine der letzten Elben gewesen, die den Hof in Aratania verlassen hatten.
Immerhin war sie reichlich entlohnt worden; anderen war es schlechter ergangen. Zumindest dann, wenn Vorwürfe des Verrats im Raum gestanden hatten. Man munkelte, dass Magolas die Betroffenen durch Angehörige des Assassinen-Ordens hatte umbringen lassen, doch Beweise dafür gab es nicht. Doch so mancher Elb, der in Aratania dem Großkönig gedient hatte, war spurlos verschwunden, und selbst die wundergläubigen Rhagar nahmen kaum an, dass dieses Verschwinden etwas mit Magie zu tun hatte.
» Ihr erinnert euch nicht, und ihr seht nur, was ihr sehen wollt …«
Diesen Gedankenbefehl pflanzte Andir in die
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